Samstag, 31. März 2012

[Rezension & Buch im Buch]
Carlos Ruiz Zafón - Das Spiel des Engels

Ein Schriftsteller vergisst nie, wann er zum ersten Mal für eine Geschichte 
ein paar Münzen oder Lob empfangen hat.

"Reizt es Sie nicht, eine Geschichte zu schreiben, für die die Menschen leben und sterben würden, für die sie töten und den eigenen Tod in Kauf nehmen würden, für die sie opfern und verdammen und ihre Seele aushauchen würden? Kann es für einen Schriftsteller eine größere Herausforderung geben, als eine so gewaltige Geschichte zu erschaffen, dass sie ihr Erdichtetsein vergessen lässt und zur offenbarten Wahrheit wird?"


Wir schreiben das turbulente Jahrzehnt vor dem Bürgerkrieg, als alles aus den Fugen gerät. Die Bevölkerung Barcelonas explodiert, die Stadt expandiert, Gaudí erschafft seine Kathedrale, Banden kontrollieren ganze Stadtviertel und die Anarchisten zünden ihre Bomben. Der junge David Martín fristet sein Leben als Autor von Schauergeschichten. Als ernsthafter Schriftsteller verkannt, von einer tödlichen Krankheit bedroht und um die Liebe seines Lebens betrogen, scheinen seine großen Erwartungen sich in nichts aufzulösen. Doch einer glaubt an sein Talent: Der mysteriöse Verleger Andreas Corelli macht ihm ein Angebot, das Verheißung und Versuchung zugleich ist. David kann nicht widerstehen und ahnt nicht, in wessen Bann er gerät...

Buch im Buch (was ist das?):
Da quasi das ganze Buch - wie auch schon der Vorgänger-Roman "Der Schatten des Windes" - eine Hommage an die Literatur ist, darf ein "Buch im Buch"-Eintrag hier nicht fehlen. Und weil es im gesamten Buch vor Buch-Referenzen nur so wimmelt, verknüpfe ich die entsprechenden Zitate diesmal direkt in meiner Rezension:

Was am "Spiel des Engels" sofort positiv auffällt, ist die düstere, fast mysteriöse Atmosphäre im Barcelona zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Leser lernt die Stadt fernab des sonnigen Urlaubsorts kennen und erlebt eine dunkle und triste Seite Barcelonas, in die man sich sofort hineingesogen fühlt. In dieser kärglichen Umgebung wächst der junge David Martín heran, der sein Herz an die Literatur verloren hat und mir daher sofort sympathisch war. Im Namen der Kunst lässt er sich bis zur völligen Erschöpfung ausbeuten, verliert aber nie die Liebe zum Schreiben. Durchweg angetan hat es mir auch sofort eine der Nebenfiguren: die gleichzeitig resolute und liebreizende Isabella, die ebenso bücherverrückt wie David ist und so eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielt. Davon, wie sie unermüdlich versucht, ihn wieder auf den rechten Weg und zur Vernunft zu bringen, hätte ich gerne noch mehr gelesen.
Leider wurden für meinen Geschmack aber nicht alle Nebencharaktere so dreidimensional beschrieben. In Kombination mit den spanischen Namen, die ich mir nicht alle so einfach merken konnte, hat dies bei mir immer mal wieder zu Verwirrungen geführt, von wem denn nun gerade die Rede ist. Umso mehr hat es mich dann gefreut, dass es neben den neuen Charakteren auch ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus dem "Schatten des Windes" gab, darunter zum Beispiel mit Senor Sempere und seinem Sohn, den beiden Besitzern der berühmten Buchhandlung "Sempere und Söhne":
"Der liebste Ort in der ganzen Stadt war mir Sempere und Söhne in der Calle Santa Ana. Diese Buchhandlung mit dem Geruch nach altem Papier und Staub war mein Heiligtum und mein Zufluchtsort. Der Buchhändler überließ mir einen Stuhl in der Ecke, wo ich nach Lust und Laune jedes Buch meiner Wahl lesen konnte. [...] Wenn es dann Zeit wurde, musste ich Füße und Seele zum Aufbrechen zwingen - wäre es nach mir gegangen, ich wäre für immer dort geblieben."
Der Kern der Geschichte ist sicherlich nicht neu und lässt sich mit ein paar Abweichungen auf den typischen "Faust"-Stoff reduzieren: Ein armer Schriftsteller verkauft seine Seele dem Teufel und hat nun mit allerlei Folgen zu kämpfen, die sich aus diesem Pakt ergeben. Doch im Barcelona der 20er Jahre wirkt diese Geschichte keineswegs abgeschrieben, sonder funktioniert dank der einmaligen Atmosphäre erstaunlich gut.
Einige Längen gibt es in der Geschichte dennoch. So wurden zum Beispiel anfangs manche Charaktere sehr ausführlich beschrieben - sprich: mit ihrer gesamten Hintergrundgeschichte - vorgestellt, anstatt sie in Aktion zu zeigen. Beim Protagonisten David konnte ich dies noch verzeihen, bei allen anderen Nebencharakteren hat es mich nach kurzer Zeit gelangweilt, zumal die Vergangenheit dieser Personen zum Großteil eher irrelevant war.
Allmählich begann die Geschichte dann aber an Fahrt aufzunehmen, und auch wenn es zwischendurch immer mal ein paar Szenen gab, die einem etwas lang vorkamen, so passierte dies auf den stattlichen 700 Seiten doch nur zu einem kleinen Bruchteil - auf jeden Fall wurde die Spannung, wenn sie etwas abflaute, jedes mal wieder neu eingefangen und konnte mich bis zum Schluss überzeugen.

Mein persönliches Highlight im Buch war aber das Wiedersehen mit dem "Friedhof der Bücher", dem heimlichen Star aus dem "Schatten des Windes". Die Idee dieses Bücherfriedhofs finde ich wirklich genial und sie wirkt auch hier keineswegs abgegriffen - zumindest das Prinzip der "Buchpatenschaft" funktioniert auch ein zweites Mal erstaunlich gut und wird wieder gut in die Handlung integriert:
"Dieser Ort ist ein Rätsel. Ein Heiligtum. Jedes Buch, das du siehst, jeder Band hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und gelebt und von ihm geträumt haben. Immer wenn ein Buch den Besitzer wechselt, immer wenn jemand den Blick über seine Seiten gleiten lässt, wächst sein Geist, und er wird stärker. Die Bücher, an die sich niemand mehr erinnert, die mit der Zeit verloren gingen, leben an diesem Ort für immer weiter und warten darauf, einem neuen Leser, einem neuen Geist in die Hände zu fallen..."
An der Auflösung der Geschichte hingegen haperte es wieder etwas: Nicht alle Fäden der Handlung wurden zu einem logischen Schluss geführt, manche Rätsel blieben einfach in der Luft hängen und auch der Sinn mancher Nebencharaktere hat sich mir nicht ganz erschlossen. Dies mag vor allem auf die vielen mystischen Elemente zurückzuführen sein, bei denen man sich schließlich nicht sicher sein konnte, was nun Wahrheit und was Fiktion gewesen ist. Zwar ist das Ende durchaus interessant gemacht, aber es bedarf doch einiger eigener Interpretationen, um das ganze zu einem runden Abschluss zu führen. Auch wenn es mir generell gefällt, wenn Bücher mich nach dem Lesen noch länger beschäftigen, hätte ich mir hier definitiv mehr Erklärungen gewünscht!

Trotzdem: Wer den "Schatten des Windes" gern gelesen hat, der wird meiner Meinung nach auch am "Spiel des Engels" Gefallen finden - gibt es doch viele Parallelen zwischen den beiden Büchern, z.B. die düstere Atmosphäre, die teils zwielichtigen Charaktere, die Liebe zur Literatur und noch viel mehr. Das "Spiel des Engels" hat es als Nachfolger naturgemäß schwerer beim Leser und weist auch einige Schwächen gegenüber dem Vorgänger auf - und doch bietet es 700 Seiten lang gute Unterhaltung mit dem besonderen Touch für Buchliebhaber.

Eine spannende und düstere Geschichte aus der Welt der Literatur mit phantastischen Anklängen, aber leider auch mit ein paar Längen und Ungereimtheiten. 7 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Hach, Zafón... Irgendwie kann der Autor mich gar nicht enttäuschen. Bei "Das Spiel des Engels" war ich zwar zunächst auch etwas überrascht und leicht verärgert über das Ende, aber irgendwie fand ich es trotzdem ganz gut, dass man einiges interpretieren musste.
    Im Herbst soll ja dann auch ein dritter Teil erscheinen - hach, was freue ich mich darauf! :D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, irgendwie hat das Ende schon was... aber dann hätte ich mir auch wieder mehr Erklärungen gewünscht - bin da selbst ganz hin- und hergerissen :-)
      Und Zafón hat wirklich einen dritten Teil geschrieben? Das wusste ich noch gar nicht! Da bin ich ja mal gespannt drauf :-) Allerdings weiß ich nicht, ob Thema und Setting nicht langsam ein bisschen ausgereizt sind... na, mal schauen, was er draus macht :-)

      Löschen
    2. Hier gibt es die Inhaltsangabe dazu schon auf Englisch. Klingt ziemlich interessant, finde ich. Auf Spanisch ist das Buch bereits erschienen und im Herbst kommt es dann halt zu uns.

      Löschen
    3. Vielen Dank für den Link, lieber Kapitän :-) Das Buch hört sich wieder sehr interessant an, da stimme ich dir zu! Bin schon auf die ersten Rezensionen zur englischen Ausgabe gespannt - mit den spanischen kann ich leider nicht so viel anfangen, aber ich hab schon mal ein "excelente" rausgelesen *lach*

      Löschen
  2. Das Buch ist leider nicht so meins, aber deine Rezi fand ich sehr gut geschrieben. :)

    LG
    Lilly

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schade, dass es dir nicht gefallen hat! Aber es gibt ja durchaus einige negative Punkte am Buch, so dass ich gut verstehen kann, wenn es jemanden nicht besonders zusagt!

      Löschen
  3. Hallo Bücherdiebin,
    ich hab das Buch kurz nach Erscheinen gelesen, weil mir "Der Schatten des Windes" vorher so gut gefallen hatte.
    Dabei setzt man wohl automatisch beide Bücher in Vergleich zueinander...schade eigentlich... kann da "Das Spiel des Engels" überhaupt "gewinnen"? - Die düstere Stimmung, die mysteriösen Figuren und Geschehnisse, die vielen offenen Fragen usw. das ist nicht jedermanns Geschmack und eckt an.
    Mir ging es damals ähnlich wie dir: Man ist nicht vollends überzeugt und hat Kritikpunkte. Ich habe mich daher nach der Lektüre oft gefragt, ob man wohl eine ähnliche Geschichte erwartet hat. Hätte man die dann aber wirklich lesen wollen? Nein, oder? - Dann doch lieber etwas anderes, ein anderer Stil, eine Geschichte, die überrascht.
    Was bei mir daher geblieben ist ist ein Buch, das ich noch einmal lesen möchte!
    Frühmorgendliche Grüße vom Buchling

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Buchling :-) Ich bin auch der Meinung: Wenn ein anderer Autor das "Spiel des Engels" geschrieben hätte, hätte der Roman es sicherlich leichter bei den Lesern gehabt - so wird er aber automatisch immer mit dem Vorgänger in Verbindung gesetzt. Das ist wohl das Dilemma vieler Autoren... aber auch als Leser kann man sich nicht dagegen wehren, diese Vergleiche mit dem Vorgänger anzustellen.
      Es freut mich daher, dass dir "Das Spiel des Engels" auch so gut gefallen hat! Dann bist du ja jetzt bestimmt genauso gespannt auf den dritten Band der Reihe :-)

      Löschen
    2. Liebe Bücherdiebin,
      ich muss gestehen, dass ich das mit dem dritten Band noch gar nicht so mitbekommen habe. *hüstel* Da muss ich doch gleich mal fix die Suchmaschine anwerfen und mich informieren! :-)

      Löschen
    3. Hihi, bevor captian cow über dir den dritten Band erwähnt hat, wusste ich ja auch noch nichts davon :-) Dafür bin ich jetzt umso gespannter :-)

      Löschen
    4. Es ist doch einfach immer wieder schön, wenn man sich auf eine (absehbare) Neuerscheinung freuen kann, finde ich. :-)

      Löschen