Montag, 26. März 2012

[Rezension] Simon Beckett - Tiere

Manche Menschen sind Tiere.

"Zur Fütterung werden sie oft unruhig, an diesem Abend erschienen sie jedoch recht friedlich. Trotzdem schob ich die Schüsseln lieber mit dem Besenstiel unter den Gittern der einzelnen Abteile hindurch. Nur für den Fall. Das Neue bekam sein Futter zum Schluss. Die anderen drei begannen sofort zu fressen, das Neue aber nicht. Es betrachtete nur das Futter und kippte dann die Schüssel um. "Du kannst uns nicht ständig diesen Fraß vorsetzen!", schrie es, als ich hinausging. Ich wusste, dass ich mit dem Rothaarigen Probleme bekommen würde."


Nigel ist sicherlich nicht der Hellste. Aber er ist meistens ganz guter Laune. Im Büro gibt es immer etwas zu kopieren, und außerdem sind da Cheryl und Karen. Auch im Pub, den seine Eltern früher führten und in dem Nigel jetzt wohnt, fühlt er sich wohl. Es gibt hier zwar kein Bier und keine Zigaretten mehr, aber Nigel interessiert sich sowieso mehr für Fernsehen und Comics. Und dann ist da noch der Keller. Hier hält Nigel seine Mitbewohner. Dass die nicht freiwillig da unten wohnen, stört Nigel nicht...

Simon Beckett schreibt in seinem Vorwort zu "Tiere", dass dies sein bisher "bösester Roman" sei - und dem kann ich nur zustimmen! Der Kern der Geschichte ist wirklich grausig: Da sperrt jemand Menschen in ein kaltes, feuchtes Kellerverlies und lässt sie dort bei Hundefutter und ständiger Dunkelheit vor sich hinvegetieren, nur weil er ihr Leben für minderwertig hält. Während des Lesens drängte sich mir ständig die Frage auf: Wie kann jemand nur so krank im Kopf sein und anderen Menschen so etwas antun? (und zwangsläufig habe ich mich auch gefragt, wie Simon Beckett wohl auf diese Idee gekommen ist...) Entsprechend ist die Atmosphäre des Buches - auch wenn das Leiden von Nigels "Mitbewohnern" immer nur ansatzweise geschildert wird - mehr als beklemmend.

Der Erzählstil ist durchweg auf Nigel fixiert und sehr naiv gehalten. Nigel ist ein junger Mann von Anfang/Mitte Zwanzig, im Kopf aber "zurückgeblieben", so dass seine Art zu Denken eher an einen Jungen von etwa zehn Jahren erinnert. Wie man an dem Zitat oben schon sehen kann, ist die Sprache des Buches angepasst an diese geistige Entwicklung des Protagonisten. Simon Beckett hat diesen Stil komplett durchgehalten, was das Buch sehr interessant macht: Man erfährt alles Geschehen nur aus der Sicht dieses Psychopathen heraus und wird daher quasi gezwungen, sich mit Nigels naiven und gleichzeitig menschenverachtenden Gedanken zu "identifizieren". Zudem vermittelt diese Erzählperspektive auch sehr deutlich, wie Nigel sein Verhalten begründet und dass er (aus seiner Sicht) gar kein Verbrechen begeht.

In Rückblenden berichtet Nigel über seine Kindheit und Jugend, über die Sorgen und Probleme, die er von  seinen Eltern vermittelt bekommen hat, und über die vielen Streitigkeiten zuhause, die ihm sehr zu schaffen gemacht haben. Mitleid konnte sich bei mir mit diesem zurückgebliebenen Psychopathen trotzdem  kaum auftun. Dass er sich zu keiner Zeit einer Schuld bewusst ist oder auch nur das geringste bisschen Einsicht zeigt, machte ihn - auch wenn es seiner geistigen Entwicklung zuzuschreiben ist - in meinen Augen nicht sympathischer. Trotzdem fand ich dieses Experiment, einen Thriller allein aus der Sicht des Täters heraus zu beleuchten, grundsätzlich sehr spannend zu verfolgen.

Das Buch besitzt allerdings große Schwächen, über die sich auch durch die interessante Gestaltung nicht hinwegtäuschen lässt. Während es zu Beginn noch Spaß macht, Nigels Denkweise, seine Vergangenheit und seine Angewohnheiten zu verfolgen, verliert sich die Geschichte bald immer mehr in belanglosen Schilderungen anstatt weitere Spannung zu erzeugen. Die große Frage des Buches - Wann entdeckt endlich jemand, was Nigel dort mit seinen "Mitbewohnern" treibt? - hängt viel zu lange im Raum, ohne dass etwas passiert.
Als Nigel schließlich Besuch von zwei Arbeitskolleginnen erhält, erwartet man als Leser, dass es nun bis zur Entdeckung der "Tiere" nicht mehr lange dauern kann. Doch statt die Geschichte hier zu einem spannungsgeladenen Höhepunkt zu treiben, schildert Beckett bloß weitere banale bis obszöne Ereignisse, die mich langsam aber sicher gelangweilt haben. Als es dann schließlich doch spannend wird, bricht die Geschichte einfach ab und der Leser wird mit einem halbherzigen, offenen Ende abgespeist.

Aus der Geschichte hätte man definitiv mehr machen können! Mit seiner Reihe rund um den Forensiker David Hunter (bisher "Die Chemie des Todes", "Kalte Asche", "Leichenblässe" und "Verwesung") hat Simon Beckett gezeigt, dass er das Thriller-Genre eindeutig beherrscht, aber "Tiere" wirkte auf mich insgesamt eher wie die unfertige Fingerübung eines angehenden Schriftstellers. Mit etwas mehr Geschick, einer ausgereifteren Handlung und einer gehörigen Portion Spannung hätte man hieraus sicherlich einen gruseligen Horrortitel machen können. Hätte...

Es ist ein interessantes Gedankenexperiment, das Simon Beckett seinem Leser hier vorstellt, doch leider mangelt es der Geschichte für einen Thriller zunehmend an Spannung. 5 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Ouh. So ein ähnliches Buch habe ich letztens auch gelesen - "Der Menschemacher" von McFadyen, der eigentlich ziemlich gute Sachen schreibt. Aber sowas scheint es leider öfters zu geben - Thriller-Autoren, die sich bei einem Experiment, aus der Sicht des Täters völlig verrennen. Vielleicht sollte man einfach ihre anderen Romane genießen. :)
    Liebste Grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

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    1. Oh je, von Cody McFayden hab ich schon so viel gutes gehört und wollte eigentlich demnächst auch mal ein Buch von ihm lesen... also den "Menschenmacher" dann erstmal nicht, oder? :-) Kannst du eines seiner anderen Bücher empfehlen?
      Generell finde ich es ja sehr interessant, aus der Sicht von einem Täter zu lesen, aber gut geschrieben sollte es schon sein :-)

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  2. Ich habe das Buch auch vor einiger Zeit gelesen und muss sagen dass mich vorallem der Schluss stutzig gemacht hat, da das Buch viel zu schnell beendet wurde und man sich als Leser dachte: "Wars das schon?!" vorallem da das ganze Buch ja auf die Entdeckung hinarbeitet. Aber Simon Becketts weiße Bücher mit der roten Schrift konnten mich alle nicht so wirklich vom Hocker hauen wenn ich ehrlich bin ;-)

    LG Antonie

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    1. Genau so ist es mir auch gegangen! Da wartet man 200 Seiten darauf, dass mal was passiert... und dann - Ende! Wirklich sehr schade :-(
      Ich denke, von den weiß-roten Büchern werde ich jetzt auch erstmal Abstand nehmen, danke für die Warnung! Außerdem habe ich noch "Leichenblässe" auf dem SuB, das ist dann wohl als nächstes dran :-)

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  3. Ich bin mit dem Buch irgendwie nicht warmgeworden und habe es dann (was bei mit sehr selten ist) abgebrochen :(
    Irgendwie habe ich auch einfach nicht verstanden, wie man über ein so heftiges Thema, so belanglos schreiben kann, als wäre es ganz natürlich den Tagesablauf eines so kranken Menschen so normal zu beschreiben. Keine Ahnung ob das jetzt verständlich war :-D

    LG Sabrina

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    1. Ich glaube, du hast nichts verpasst, wenn du das Buch abgebrochen hast :-)
      Die Belanglosigkeit, mit der Simon Beckett an das Thema herangegangen ist, fand ich schon sehr interessant, immerhin versetzt er sich ganz in seinen Hauptcharakter - und dieser findet seinen Tagesablauf eben normal. Aber irgendeine Einsicht hätte im Laufe des Buches schon kommen dürfen... so gebe ich dir Recht, das Buch ist ziemlich heftig!

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  4. Ich habe bisher nur "Obsession" von Simon Beckett gelesen und bei diesem Buch ging es mir ähnlich wie dir hier. Man hätte wirklich viel aus der Idee machen können, aber die Umsetzung konnte mich überhaupt nicht begeistern. Da fällt es schwer zu glauben, dass der Autor das Thriller-Genre eigentlich beherrscht ;) Vielleicht gebe ich seiner "David Hunter"-Reihe irgendwann noch eine Chance, aber den allgemeinen Simon-Beckett-Hype kann ich (noch) nicht teilen.

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    1. Ich hab mich inzwischen ein bisschen schlau gemacht (naja, amazon-Rezensionen gelesen...) und die weiße Reihe mit der roten Schrift, zu der ja auch "Obsession" gehört, scheint wirklich nicht der Bringer zu sein... Also vielen Dank für deine Warnung, das werde ich dann wohl auch nicht lesen.
      Die David Hunter-Reihe möchte ich dir aber dringend empfehlen! Bisher habe ich zwar nur Band 1 und 2 gelesen, aber die fand ich richtig-richtig gut! Band 3 liegt auf dem SuB und ist demnächst dran :-) Vielleicht magst du Herrn Beckett ja noch eine zweite Chance geben? :-)

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