Sonntag, 22. April 2012

[Rezension] Cat Clarke - vergissdeinnicht

Tja, komisch, bis gestern war ich noch die fröhliche Gekidnappte.


Fakten rund ums Buch: 
Genre: Jugendroman
Originaltitel: Entangled
Ausgabe: Taschenbuch
Seitenzahl: 286
erschienen: März 2012
Preis: 12,99 Euro


Ich traf Ethan in der Nacht, in der ich mich umbringen wollte. Ziemlich unpassend, wenn man so drüber nachdenkt. Durch meinen Kopf schwirren immer wieder dieselben Fragen: Was will er von mir? Wie konnte ich das zulassen? WERDE ICH STERBEN? 


Klappentext:

Ein weißer Raum. Und nichts darin als ein Tisch, Stapel von Papier und Stifte. Und Grace. Sie weiß nicht, wie sie in diesen Raum gekommen ist, sie weiß nicht, warum sie dort ist. Und wie sie jemals wieder aus dem endlosen Weiß entfliehen kann. Um nicht verrückt zu werden, beginnt sie, ihre Gedanken niederzuschreiben. Ganz allmählich setzt sich dabei das Puzzle ihrer Vergangenheit zusammen - und Grace spürt: Um sich befreien zu können, muss sie die ganze Wahrheit über sich selbst herausfinden... 


Meine Meinung:

"vergissdeinnicht" ist auf jeden Fall anders, als man es zunächst durch Klappentext und Pressestimmen erwarten würde. Vor dem Lesen war ich davon ausgegangen, hier einen Thriller mit etwa der folgenden Handlung zu lesen: Man trifft Grace, die durch ein schreckliches Trauma ihr Gedächtnis verloren hat, in diesem weißen Raum, lernt ihren Entführer Ethan kennen und nach und nach setzt ihre Erinnerung wieder ein und man kommt hinter ein Geheimnis, das irgendwo in Graces Vergangenheit begraben liegt. Bekommen habe ich aber etwas ganz anderes - einen zutiefst verstörenden Trip in die Seele einer labilen 16-Jährigen.

Erzählt wird durchgängig aus der Ich-Perspektive von Grace. Kleinere Passagen spielen in dem weißen Raum in der Gegenwart, aber den Großteil des Buches macht die Geschichte aus, die Grace hier niederschreibt - also die Ereignisse, an die sie sich aus der Zeit vor ihrem Erwachen in dem weißen Raum erinnern kann. Grace ist eine sehr unsympathische Protagonistin, mit der man erst einmal warm werden muss. Nach anfänglicher Skepsis fand ich es zunächst sehr interessant, dass ich quasi gezwungen wurde, mich mit dieser egoistischen und arroganten Erzählerin zu identifizieren, doch nach einiger Zeit war ich leider eher genervt von ihren vielen Problemen.
Große Schwierigkeiten hatte ich außerdem mit ihrer selbstzerstörerischen Art: Grace leidet am Borderline-Syndrom und immer, wenn ihr wieder alles über den Kopf wächst, beginnt sie sich zu ritzen. Ich fand es wirklich hart, dies teils sehr detailliert mitzuerleben, und konnte an manchen Stellen nur schwer weiterlesen.

Die übrigen Themen - unter anderem erste Liebe, Eifersucht, beste Freundinnen, Schwangerschaft, Schule, Partys und Alkohol - waren mir allerdings allesamt zu oberflächlich abgehandelt. Grace scheint wirklich kein Problem auszulassen, das man als Teenager so haben kann, und da wurde es mir an manchen Stellen einfach zu viel der unterschiedlichen Themen - die Fokussierung auf ein paar dieser Probleme, mit denen man sich dann intensiver auseinandergesetzt hätte, hätte dem Buch sicher gut getan.

Nicht warm geworden bin ich außerdem mit dem Schreibstil des Buches. Denn Cat Clarke versucht, Grace in einem jugendlich-umgangssprachlichen Ton erzählen zu lassen, der absolut aufgesetzt wirkt, nicht gerade flüssig zu lesen ist und in meinen Augen auch nicht zu Grace passt - wird doch mehrfach erwähnt, dass sie in der Vergangenheit bereits eigene Geschichten geschrieben hat. Auch wenn wir "nur" eine Art Tagebuch zu lesen bekommen, in dem man sich sicherlich nicht immer ganz gewählt ausdrückt, so hätte ich mir insgesamt einen anspruchsvolleren Stil gewünscht. Zwar gewöhnt man sich mit der Zeit an die betont jugendliche Sprache, aber ich bin sicher, Cat Clarke wäre auch mit ein paar Schimpfwörtern weniger ausgekommen.

Was ich jedoch sehr beeindruckend fand, war, dass die Spannung im Buch die ganze Zeit über gehalten wird. Zum einen sind da die emotionalen Momente, in denen man Graces schlechte Eigenschaften schlicht vergisst und nur noch Mitleid mit dem traurigen Mädchen hat. Zum anderen will man natürlich wissen, wie Grace schließlich in diesen weißen Raum gelangen konnte und ob sie dort ausbrechen kann. Und auch wenn man als Leser schon früh hinter das Geheimnis des weißen Raums kommt, so fand ich die Auflösung am Ende doch genial gelöst und habe das Geschehen mit angehaltenem Atem verfolgt. Dies hat für mich einige Mängel des Buchs wiedergutmachen können!


Mein Fazit:

"vergissdeinnicht" ist nicht das, was es auf den ersten Blick scheint. Insgesamt war ich eher enttäuscht von der durchschnittlichen Geschichte und der einfachen Sprache. Ein paar dramaturgische Kniffe haben mir allerdings sehr gut gefallen und konnten mein Interesse für den Fortgang der Geschichte immer wieder wecken. Daher 5 von 10 Bücherdiebinnen!



Kommentare:

  1. Eine wirklich interessante Rezension. Trotzdem möchte ich das Buch eventuell noch in Englisch lesen, weil es spricht mich nichtsdestotrotz an.
    Aber danke für die wirklich tolle Rezension! Abseits von der überschwänglich positiven Meinung ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dankeschön! Ich möchte dich nicht davon abhalten, das Buch noch zu lesen, denn es scheint ja wirklich vielen gefallen zu haben :-) Bisher stehe ich wohl mit meiner Meinung noch etwas allein da, aber ich bin gespannt auf die kommenden Rezensionen - und natürlich auf deine, wenn du das Buch dann gelesen hast!

      Löschen
  2. Aw, sehr interessant auch mal eine kritische Stimme zu dem Buch zu lesen. Vor allem über den Schreibstil hatte ich schon einige negative Dinge gehört, leider :/ Aber ich bin nichtsdestotrotz sehr neugierig auf das Buch und werde es sicherlich lesen. Solltest du es zufällig loswerden wollen, gäbe es hier einen dankbaren Tauscher (wobei die Größe meiner Tauschliste sich gerade wirklich in Grenzen hält) :P

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, ich bin auch noch ganz verwundert, dass das Buch so vielen gefallen hat und überall die volle 5-Sterne-Wertung bekommt :-) Ich kann schon verstehen, was den Leuten am Buch gefallen hat, aber für mich überwiegen einfach die negativen Punkte... Das Buch steht bereit zum Tauschen, also wenn du es haben möchtest... allerdings befindet es sich nicht mehr im allerbesten Zustand *hust* und ich hab auf deiner Tauschseite leider auch nichts für mich gefunden :-/

      Löschen
    2. Ich bin mal gespannt, wie ich das sehen werde. Aber ich kann mir vorstellen, was du meinst... Es ist immer verwunderlich, wenn man selbst ein gehyptes Buch gar nicht so toll findet.
      Hmm - inwiefern denn nicht im allerbesten Zustand?
      Neben den Büchern auf meiner Tauschliste hätte ich noch dieses und dieses anzubieten...

      Löschen
    3. Manche Blogger sind ja sehr pingelig, was den Zustand ihrer Bücher angeht :-) Meinen Büchern sieht man meist an, dass sie gelesen wurden - ich selbst finde solche Lesespuren nicht weiter schlimm, aber ich weiß nicht, wie du das siehst, deswegen warne ich lieber vor ;-) Ein bisschen ärgerlich ist leider, dass eine Ecke unten ein bisschen gestaucht ist, aber so hatte ich das Buch schon bekommen :-/ Ich habe es aktuell hier bei Tauschticket, wenn du genauer gucken magst.

      Löschen
  3. Das klingt eigentlich nicht schlecht. Und da die bisherigen Rezensionen beinahe durchwegs gut waren, werde ich es mir vielleicht einmal ausleihen, wenn die Zeit dafür da ist. :) Was ich zu deinem neuen "Rezensions-Stil" noch sagen wollte, ist das er mir mitlerweile eigentlich ziemlich gut gefällt. :) Vorher war ich noch ziemlich skeptisch, aber jetzt hat es eindeutig Vorteile. :) Das wollte ich nur mal sagen. :'D
    Liebste Grüße! :)

    killthesilencce.blogspot.de

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Na klar, ausleihen ist immer gut und die knapp 300 Seiten sind ja schnell gelesen - dann kannst du dir dein eigenes Urteil bilden :-)

      Löschen
  4. Es ist irgendwie immer total spannend. Direkt vor Dir habe ich auf einem anderen Blog ebenfalls die Rezi zu diesem Buch gelesen. Diejenige fand es zwar auch anders, gab aber volle Punktzahl.

    Deine Rezi gefällt mir aber besser, denn nun weiß ich endlich, was mich wirklich (vom Thema her) im Buch erwartet und bin sicher, mein Fall wäre es nicht. Danke!!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dankeschön :-) Dass man bei "vergissdeinnicht" nicht weiß, was einen vom Thema her erwartet, finde ich wirklich problematisch... Viele sind ja begeistert gewesen, von der Geschichte so "überrascht" zu werden, aber ich hab mir einfach was anderes - vielleicht nicht ganz so "jugendliches" - darunter vorgestellt und war dann enttäuscht. Aber auch sonst überwogen für mich einfach die negativen Punkte beim Buch - bis auf den Schluss, der ist wirklich genial.
      Aber freut mich, dass ich dir bei deiner Entscheidung, das Buch zu lesen oder eben nicht zu lesen, helfen konnte!

      Löschen