Donnerstag, 12. April 2012

[Rezension] Vanessa Diffenbaugh
- Die verborgene Sprache der Blumen

Ein Strauß Ringelblumen: Trauer. Ein Eimer Disteln: Menschenfeindlichkeit. 
Eine Prise getrocknetes Basilikum: Hass.

"Das hier ist deine letzte Chance. Deine allerletzte. Victoria, hast du mich verstanden?" Ich reagierte nicht. "Wenn du zehn wirst, giltst du für die Behörden als nicht mehr vermittelbar und nicht einmal ich werde mich weiter bemühen, dich bei einer Familie unterzubringen. Das heißt, eine Einrichtung nach der anderen, bis du volljährig bist, falls es diesmal nicht klappt. Versprich mir einfach, dass du dir das zu Herzen nehmen wirst." 


Das Wichtigste im Leben der jungen Victoria sind Blumen. Sie weiß alles über sie und kennt vor allem ihre Bedeutung. Aufgewachsen in Waisenhäusern und Pflegefamilien, rettet dieses Wissen sie immer wieder. Mit achtzehn findet Victoria Arbeit in einem Blumenladen und bindet mit viel Erfolg und Einfühlungsvermögen für jeden Kunden den richtigen Strauß: Myrte für Liebe, Jasmin für Nähe, Maiglöckchen für Rückkehr des Glücks. All das wünscht sich Victoria auch, als sie Grant kennenlernt. Erstaunt stellt sie fest, dass er ebenfalls die Sprache der Blumen versteht – und sie von demselben Menschen gelernt hat wie sie selbst … 

Mit "Die verborgene Sprache der Blumen" hat Vanessa Diffenbaugh eine melancholische und tieftraurige Erzählung geschrieben, die mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt hat. Die junge Victoria ist eine sehr eigensinnige und verstörte Protagonistin, die es einem schwer macht, sie gern zu haben. Da man jedoch ihren Leidensweg durch Waisenhäuser und Pflegefamilien direkt mitbekommt, liegt auch der Grund für ihr Verhalten auf der Hand - und man hofft gleichzeitig, dass sie nun, da sie erwachsen ist und ihre Passion in der Sprache der Blumen gefunden hat, sich von der Vergangenheit lösen kann ... Dass dies jedoch leichter gesagt als getan ist, stellt man schon auf den ersten Seiten dieser besonderen Lektüre fest.

Erzählt wird die Geschichte in zwei Zeitebenen, die sich miteinander abwechseln. Zunächst lernen wir Victoria am Tag ihres 18. Geburtstags (und somit dem Tag der endgültigen Entlassung aus dem Waisenheim) kennen. Auf sich allein gestellt wird sie quasi auf die Straße gesetzt und muss von nun an alleine klarkommen - da trifft es sich nur zu gut, dass Renata, die Besitzerin eines kleinen Blumenladens, gerade viel Arbeit hat, wenig Fragen stellt und Victoria schnell unter ihre Fittiche nimmt.
Aber wir treffen Victoria auch schon knapp 10 Jahre vor dieser Zeit, als die Behörden ein letztes Mal versuchen, sie bei einer Pflegemutter unterzubringen. Schon deutlich gezeichnet von einer wahren Odyssee durch Pflegefamilien zeigt sie sich in diesem Alter nicht weniger kratzbürstig und lässt keinen Menschen mehr an sich heran. Als sie nun bei Elisabeth, einer alleinstehenden und fürsorglichen Dame, unterkommt, trifft sie tatsächlich auf einen Menschen, der es gut mit ihr meint und ihr Raum und Zeit lässt, ihre Gefühle auszuleben. Doch da man als Leser ja schon weiß, dass sie früher oder später ihren Weg zurück ins Waisenhaus (aus dem sie ja dann 10 Jahre später entlassen wird) antreten muss, spürt man unweigerlich die Tragödie hinter dieser Idylle auf Victoria zukommen.
Beim Lesen hatte ich sehr oft Mitleid mit diesem Mädchen, das in seinen jungen achtzehn Jahren schon so viele Enttäuschungen wegstecken musste und nie seine leibliche Mutter kennen lernen durfte. Doch oft war ich auch richtig wütend auf sie, weil sie immer wieder die Menschen, die es gut mit ihr meinen, verletzt und von sich wegstößt. Da das Buch mich emotional so mitgenommen hat, musste ich es beim Lesen öfter mal zur Seite legen und das Gelesene erst einmal "verdauen".

Die Sprache der Blumen nimmt einen großen Teil des Buches ein. Nur durch Blumen scheint sich die sonst so wortkarge Victoria richtig ausdrücken zu können. Leider bleiben ihre Botschaften, die sie so übermittelt, oft unverstanden - auch ich wusste vor dem Lesen dieses Buches nicht, dass neben dem typischen "eine rote Rose steht für Liebe" im Grunde jeder Blume eine Bedeutung zugeordnet werden kann. Damit der Leser besser in Victorias Gedanken eintauchen kann, gibt es am Ende des Buches ein sehr hilfreiches Lexikon, dass die verschiedenen Bedeutungen sämtlicher Blumen "übersetzt". Victorias eigenwillige "blumige" Ausdrucksweise verleiht dem Buch eine besondere Poesie, die mir sehr gefallen hat, sowie einen ständigen Subtext, den man selbst interpretieren muss. Wer hätte etwa gewusst, dass z.B. eine Akazie für "Heimliche Liebe" steht?

Als Victoria auf dem Blumenmarkt Grant kennenlernt, scheint sie endlich jemanden gefunden zu haben, der ebenfalls ihre Sprache der Blumen beherrscht. Doch ein Happy End ist dadurch natürlich längst nicht in Sicht - vielmehr fangen die Probleme erst richtig an, als sich die beiden näher kommen - denn Nähe hat Victoria bisher nie zugelassen und kann sie auch jetzt nur schwer ertragen. Über 400 Seiten fiebert man mit ihr mit, ob sie endlich die Schrecken ihrer Vergangenheit vergessen und ihr selbstzerstörerisches Verhalten ablegen kann - und ob sie es endlich schafft, einer Person Vertrauen entgegenzubringen. Und man möchte sie auch verfluchen für ihr oftmals egoistisches Verhalten und sie anschreien, dass sie ihr Leben endlich in die Hand nehmen soll.
Damit ist "Die verborgene Sprache der Blumen" beileibe kein einfaches Buch: Über weite Strecken wird man konfrontiert mit Victorias tiefer Traurigkeit und fühlt sich als Leser machtlos. Doch was mir besonders gefallen hat, ist, dass es auf diesen trüben Seiten auch immer wieder Lichtblicke gibt und die Hoffnung nie ganz verloren scheint!

Ein poetisches und emotionales Buch mit einer besonderen Sprache - für mich ein wahrer Schatz im Bücherregal. 9 von 10 Bücherdiebinnen!




Übrigens: Wer mit dem Lesen dieses besonderen Buches noch etwas warten kann, dem möchte ich gern die Taschenbuchausgabe empfehlen, die im September diesen Jahres erscheint. Denn auch wenn das Cover meiner Hardcoverausgabe wohl gut zur Geschichte passt und ich mir Victoria mit ihren strubbeligen Haaren durchaus so vorstellen könnte, finde ich das schlichte Cover der Taschenbuchausgabe doch um Längen schöner!

Kommentare:

  1. Hallo du Liebe,
    "Die verborgene Sprache der Blumen" steht schon so lange auf meiner Wunschliste. Die Leseprobe ließ sich schon schön lesen und nach deiner schönen Rezension,hast du mir den Roman von Vanessa Diffenbaugh wieder ins Gedächtnis gerufen. Das Cover ist wirklich sehr schön.
    Wahrscheinlich werde ich noch bis September warten. Danke für die Information und deine begeisterten Zeilen.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es freut mich, dass ich den Roman auf deiner Wunschliste wieder nach oben befördern konnte! Ich denke auch, dass es sich lohnt, auf die TB-Ausgabe zu warten, weil die wirlich viel schöner ist - aber nicht bis dahin wieder vergessen :-)
      Schöne Grüße zu den Sternen!

      Löschen
  2. Hallo Saumensch!

    Oh nein, jetzt ist meine Wunschliste schon wieder gewachsen. So begeiterte Zeilen kann ich nicht ignorieren, vor allem nicht bei einem Buch, das ganz nach meinem Geschmack klingt. Wobei ich wohl auch bis September warten werde - obwohl das verdammt schwer ist... :D

    Liebe Grüße
    vom Kapitän

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ahoi Kapitän, das freut mich! Ich denke, dass dir das Buch bestimmt gefällt.
      Und irgendwann kriegt die Bloggerwelt deine Wunschliste noch gesprengt :-) Aber bei diesem Buch ist das auch absolut gerechtfertigt :-)

      Löschen
  3. Wunderschöne Rezension und ich bin schon ein paar Mal über das Buch gestolpert. Immer wieder hab ich es in die Hand genommen und mir dann doch gedacht: Vielleicht ist es doch nicht das richtige Buch für mich.

    Nach deiner Rezension muss ich jetzt doch sagen: Das Buch ist genau das, was ich in der Literatur suche!
    Eine schöne Besprechung, hat mir sehr gut und ich werde sehen, dass ich das Buch im September besorgen und lesen kann! :D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dankeschön :-) Das freut mich sehr! Dass das Buch genau das ist, was ich in der Literatur suche, kann ich nur unterschreiben. Ich kann solche Bücher nicht immer lesen, da man sich auch ein bisschen Zeit dafür nehmen muss, aber wenn ich die Muße habe, mich ganz drauf einzulassen, lese ich solche poetisch-realen Geschichten auch am allerliebsten. Hoffe, dass es dir im September dann genauso gefällt!

      Löschen
  4. hat mir sehr gut gefallen... kleiner Fehler.

    Ich bin auf deine Meinung zu "vergissdeinnicht" sehr gespannt, da das Buch mich sehr anspricht!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe bisher das erste Drittel gelesen und kann noch nicht allzuviel dazu sagen. Die Protagonistin ist mir bisher sehr unsympathisch, was das Buch aber auch wieder interessant macht... bin mal gespannt, wie es weitergeht und werde dann berichten :-)

      Löschen
  5. Unterschreibe ich sofort! Ich bin auch Fan des Buches :)

    AntwortenLöschen