Sonntag, 13. Mai 2012

[Rezension] Ursula Dubosarsky - Nicht jetzt, niemals

Das Jahr begann mit dem Erhängen eines Mannes
und endete mit dem Ertränken eines anderen.


Fakten rund ums Buch:
Genre: Jugendbuch, Gegenwartsliteratur
Originaltitel: The Golden Day
Ausgabe: Hardcover
Seitenzahl: 143
erschienen: Januar 2012
Preis: 12,95 Euro
Link zum Verlag


"Heute, Mädchen", sagte Miss Renshaw, "gehen wir in den schönen Garten und denken über den Tod nach." Die kleinen Mädchen saßen in ihren Bankreihen, als die Glocke am Morgen den Unterricht einläutete. Ihre Lehrerin machte eine bedeutungsschwere Pause. Sie starrten zu ihr hinauf, die gestreiften Krawatten ordentlich um ihre Hälse gebunden, die Haare gekämmt. "Ich muss euch mitteilen, dass heute etwas Barbarisches geschehen ist", sagte Miss Renshaw mit leiser eindringlicher Stimme. "Heute morgen um acht Uhr ist ein Mann gehängt worden."


Klappentext:

Eine Klasse mit elf Mädchen irgendwo an der australischen Küste. Die Lehrerin, Miss Renshaw, möchte ihren Schülerinnen etwas über den Tod beibringen, denn gerade am Morgen hat die letzte Hinrichtung in der Geschichte Australiens stattgefunden. Miss Renshaw nimmt den Mädchen das Versprechen ab, niemandem von dieser Unterrichtsstunde zu erzählen. Nicht jetzt, niemals. Die Schülerinnen ahnen nicht, wie schwierig es sein wird, dieses Versprechen zu halten.  


Meine Meinung:

Zunächst einmal muss ich gestehen, dass ich mit etwas falschen Erwartungen an das Buch herangegangen bin, die wohl der Klappentext in mir ausgelöst hat: Es geht in "Nicht jetzt, niemals" keineswegs um eine Hinrichtung, generell Meinungen zur Todesstrafe oder wie damit umgegangen werden kann. Der Tag dieser Hinrichtung wird von der Lehrerin Miss Renshaw zu ganz eigenen Zwecken genutzt, die eine unabhängige Geschichte erzählen. Erst dadurch, dass sie ihren Schülerinnen das Versprechen abnimmt, für immer über diesen Tag zu schweigen, nimmt die Katastrophe schließlich ihren Lauf...

Lange Zeit wird man darüber im Unklaren gelassen, was nun wirklich auf diesem Schulausflug passiert ist, und man kommt als Leser nicht umhin, seine eigenen Vermutungen anzustellen. Wenn man die "kleinen Mädchen" auf den letzten Seiten des Buches schließlich acht Jahre später wiedertrifft, erhält das Buch nochmal eine neue Wendung, die aber auch nicht bei der Klärung des tatsächlichen Geschehens hilft. Einerseits finde ich es schade, dass so wenig im Buch erklärt wurde, andererseits macht aber auch gerade dies einen besonderen Reiz für den Leser aus - zwingt es doch dazu, noch lange über das Gelesene nachzudenken. Doch irgendwie nagt an mir auch die Frage, ob ich evtl. einen kleinen Hinweis, der zur besseren Auflösung beigetragen hätte, übersehen habe - und vielleicht werde ich es aus genau diesem Grund irgendwann nochmal lesen. Denn überzeugt hat mich die Geschichte und das bedrückende Schweigen der Schülerinnen auf jeden Fall!

Zu den Schülerinnen selbst bleibt immer ein gewisser Abstand bestehen, da sie oft mehr durch ihr Aussehen oder andere Auffälligkeiten als durch ihr Verhalten und ihre Empfindungen charakterisiert werden (die große und die kleine Elisabeth, die stille Deidre, die ständig weinende Bethany...). Dies passt aber meiner Meinung nach gut zum Stil des Buches, in dem über die Schülerinnen oft nur verallgemeinernd mit "die kleinen Mädchen" gesprochen wird, und die so wirklich wie eine in sich geschlossene Gemeinschaft daherkommen. Vielmehr geht es ja auch darum zu zeigen, wie sich die Klasse verändert, wie alle unter dem bedrückenden Schweigen leiden und wie die Erwachsenen nun mit der Situation umgehen. Und von dieser 'Verhaltensstudie' hat Ursula Dubosarsky eine ganze Menge auf den gerade mal 143 Seiten untergebracht! 

Sehr interessant fand ich darüber hinaus, dass alle 20 Kapitelüberschriften die Namen von Bildern des australischen Künstlers Charles Blackman tragen. Ich habe ein bisschen gegooglet und euch mal zwei Beispielbilder herausgesucht:

Schulmädchen und Schatten
Quelle: http://www.theage.com.au/news/culture/
passion-in-the-frame/2008/08/12/1218306861240.html
 
Sich versteckendes Schulmädchen
Quelle: http://www.etchinghouse.com.au/pages/artist_details.php?artist_id=5

In diesen Bildern aus der "school girls"-Serie, die allesamt sehr bedrückend auf mich wirken, kann man gut die triste Atmosphäre des Buches wiedererkennen und sieht, woher Frau Dubosarsky einen Teil ihrer Inspiration genommen hat. Toll wäre es natürlich gewesen, wenn man diese Bilder direkt in das Buch integriert hätte. 


Mein Fazit:

Ein interessantes Büchlein über die Frage, ob und wann man ein Versprechen auch brechen darf. Vor allem die bedrückende Grundstimmung des Buches hat mich überzeugt, aber ein paar mehr Hinweise zum Ausgang der Geschichte hätte es geben dürfen. 7 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Aww, jetzt erinnere ich mich! Ich hab doch schon mal was von dem Buch gehört! Meensch... Klingt ja aber doch ziemlich gut, obwohl mich der Preis etwas schreckt, dafür, dass das Buch auch so einige Schwächen hat. Na ja, ist wohl ganz eindeutig ein potentielles Bibliotheksbuch. Danke für die Erinnerung :]

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    1. Bittesehr :-) Der Preis ist wirklich ein bisschen happig, zumal das Buch ja nur 143 Seiten hat und es daher schnell wieder ausgelesen ist. Aber spannend ist die Geschichte allemal und sicher kein Buch, dass man so einfach zuklappt und wieder vergisst. Daher finde ich es auch schade, dass das Buch nicht mehr Aufmerksamkeit bekommt - ist die Frage, ob sie es in deiner Bibliothek überhaupt haben. Aber ich drück dir die Daumen :-)

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  2. Wow, das klingt unheimlich interessant! Ich werde es mir auf jeden Fall merken, danke für die schöne Rezension :)

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    1. Gern geschehen! Es ist wirklich ein interessantes Buch, das einen zum Nachdenken bringt. Würde mich freuen, wenn du es liest :-)

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  3. Ich danke ihnen so sehr für diese großzügige und gut durchdachte überprüfung meines Buches, das ich wirklich schätze. Es ist sicherlich eine mysteriöse story - ich finde es auch geheimnisvoll! mit Dank und herzlichen Wünsche und bitte um Entschuldigung für mein schlechtes Deutsch,Ursula Dubosarsky (Sydney, Australia)

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    1. Liebe Frau Dubosarsky,
      es freut mich wirklich sehr, dass Sie den Weg auf meinen Blog gefunden haben! Und vielen Dank für Ihre lieben Worte! Mir hat es wirklich Spaß gemacht, Ihr Buch zu lesen, und hinter das Geheimnis um Miss Renshaw zu kommen.
      Falls Sie das hier lesen: Würden Sie mir verraten, wie Sie das geheimnisvolle Ende im Café gemeint haben? Denn einerseits kann ich mir nicht vorstellen, dass es wirklich passiert ist, andererseits können sich aber doch nicht alle 4 Mädchen dasselbe eingebildet haben... Über eine Antwort - gern auch auf Englisch - würde ich mich sehr freuen!
      Viele Grüße nach Sydney!

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    2. Dear Book Thief,

      The thanks are all mine! I am delighted to know your very interesting responses to my book. Ah, the scene in the cafe - well I suppose I have my own ideas which are not always the same as the readers'. Not wanting to give too much away of the ending of course, but I tend to think that perhaps it is a vision of some sort - but some readers do NOT think this, they think it is very much solid reality, and they have very good reasons, and I think to myself - well you may be right! In conclusion, the author does not always know, even though she wrote the book...

      all warm wishes, Ursula

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    3. Dear Ursula,
      thanks again for your kind reply! I am very excited that I had the opportunity to look into an author's mind and see how you planned the end at the cafe. Of course, I agree that every reader has his own reading of the book and I can understand both - whether it is a vision or it really happens! While reading I got quite confused and I am still not sure which one to prefer. But this is a point I really love about your book: One can think about it again and again - it really is not some kind of story you just read and forget!
      With warm regards from your book thief

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