Donnerstag, 31. Mai 2012

[Rezension] Wolfgang Herrndorf - tschick

Zwei Jungs. Ein geknackter Lada.
Eine Reise voller Umwege durch ein unbekanntes Deutschland.


Fakten rund ums Buch:
Genre: Gegenwartsliteratur
Originaltitel: -
Ausgabe: Taschenbuch
Seitenzahl: 256
erschienen: März 2012
Preis: 8,99 Euro
Link zum Verlag 


"Ich konnte Tschick von Anfang an nicht leiden. Keiner konnte ihn leiden. Tschick war ein Asi und genau so sah er auch aus. Wagenbach schleppte ihn nach Ostern in die Klasse, und wenn ich sage, er schleppte ihn in die Klasse, dann meine ich das auch so. [...] Zwei Arschlöcher auf einem Haufen, dachte ich, obwohl ich ihn ja gar nicht kannte."


Klappentext:

Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine unvergessliche Reise ohne Karte und Kompass durch die sommer-
glühende deutsche Provinz.


Meine Meinung: 

"tschick" ist ein irrer Roadtrip, der mir beim Lesen sehr viel Spaß gemacht hat. Es wird eigentlich gar keine besondere Geschichte erzählt - zwei Jungs fahren mit einem geklauten Auto quer durch Deutschland -  doch trotzdem wird hier so lebendig über Freundschaft, Erwachsenwerden und das Übernehmen von Verantwortung erzählt, dass ich das Buch nur schwer aus der Hand legen konnte.

Die beiden Protagonisten, Maik und Tschick, wirken sehr real und sympathisch auf mich. Maik verhält sich zu Beginn noch wie ein typisches männliches Mauerblümchen; er ist schüchtern und gehört in seiner Klasse eher zu den Außenseitern. Doch dadurch, dass er sich selbst mit viel Humor und Ironie betrachten kann, ist er mir schnell ans Herz gewachsen. Ganz anders dagegen Andrej Tschichatschow, der aufgrund seines unaussprechlichen Namens von allen nur "Tschick" genannt wird: Er wirkt schon von Beginn an wie der typische Draufgänger, ihm ist es egal, was die anderen von ihm halten, und er zieht einfach sein Ding durch. Dass er nicht sofort zu Maiks bestem Freund wird, liegt da auf der Hand. Und doch: Als er zu Beginn der Sommerferien mit seinem geklauten Lada vor Maiks Haustür auftaucht, ist das der Start in eine wunderbare Reise für beide.

Auf ihrem Trip treffen sie weitere Personen - und das in meist ziemlich absurden Situationen, die zum Lachen, aber auch zum Nachdenken anregen. Ich will an dieser Stelle gar nicht darauf eingehen, was sie alles erleben (das müsst ihr schon selbst lesen!), doch sie treffen auf so viele skurrile Leute, die alle sehr liebenswert sind, aber - man kann es nicht anders sagen - auch einen gehörigen Schaden haben. Diese sind dabei so real gezeichnet, dass man sie auch nach dem Lesen nicht so schnell vergessen wird!

Die Geschichte beginnt damit, dass Maik auf der Polizeistation aufwacht, verwundet und völlig ohne Erinnerung, wie er dort landen konnte. Erst im Rückblick erzählt er uns, wie er zunächst Tschick kennenlernt und wie sich die beiden schließlich auf Tour begeben. Da man die ganze Zeit beim Lesen dieses Ende der Geschichte vor Augen hat, ist es sehr spannend mitzuverfolgen, wie es schließlich so weit kommen konnte. Wer "unterwegs" mit noch mehr Spannung rechnet, wird allerdings enttäuscht werden: In Roadtrip-typischer Manier werden viele Szenen aneinandergereiht, die sich eben nur dadurch ergeben, dass Maik und Tschick sich wieder ins Auto setzen und an einem anderen Ort ankommen. Da das Buch mit seinen 256 Seiten aber sowieso sehr kurzweilig ist, fällt dies nicht weiter ins Gewicht und hat mich beim Lesen an keiner Stelle gestört.

Auch die Sprache ist an ihre Protagonisten angepasst und wirkt jugendlich, aber nicht aufgesetzt. Viele Autoren, die versuchen, eine jugendliche Sprache zu imitieren, fallen damit gehörig auf die Nase, weil sich die Bücher immer so anhören, als würde ein Erwachsener "cool" sprechen wollen - im Endeffekt wirkt das oft nur peinlich. Das ist hier definitiv nicht so: Der Stil passte einfach zum Rest des Buches und ich habe keine Sekunde gezweifelt, dass es wirklich der 14-jährige Maik ist, der mir seine Geschichte erzählt. Angereichtert mit Füllworten, halben Sätzen und - natürlich - einigen Schimpfwörtern wirkt die Erzählung sehr authentisch. Anspruchsvoll ist das Buch dadurch nicht, doch unterhaltsam allemal!

Und obwohl das Buch aus Sicht dieses 14-Jährigen geschrieben ist, wendet es sich meiner Meinung nach auch deutlich an Leser, die diesem Alter längst entwachsen sind. Maik und Tschick sind nicht gerade zwei vorbildliche Protagonisten, identifizieren sollte man sich deswegen auch nur bedingt mit ihnen. Doch viele Erwachsene, die das Buch lesen, werden sich sicher an die endlosen Sommer von "damals" erinnern und sich in ihre eigene Jugend zurückversetzt fühlen - und mancher wird sich sicher wünschen, dass er auch mal alle Vorsätze über Bord geworfen hätte, um mit seinem Kumpel eine verrückte Tour durch halb Deutschland zu machen...


Mein Fazit:

Ein wunderbar durchgeknallter Roman mit sympathischen Figuren, jugendlicher Sprache und einer gehörigen Portion Witz. Auf diesem Roadtrip passieren so viele unvorhergesehene Dinge, dass ich mir die Geschichte auch sehr gut als Film vorstellen könnte. Also: Lest "tschick"!
8 von 10 Bücherdiebinnen.


Kommentare:

  1. Jedes Mal stehe ich im Laden davor und kann mich nicht entscheiden es zu kaufen. (Liegt momentan hauptsächlich an meinem knappen Budget) Ungewöhnliche Protagonisten mag ich sehr und die Rezensionen zu diesem Buch sprechen mich auch an. Da sollte ich das nächste Mal wohl nicht mehr zögern :/ Danke für die Rezension.

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    1. Wenn dein Budget gerade knapp ist, besteht ja immer noch die Möglichkeit, das Buch zu leihen. Das ist das Gute an Büchern, die so gehypt werden: Jede Bibliothek nimmt sie in ihr Programm auf :-)
      Da ich finde, dass das Buch einen gewissen Wiederlesewert hat, lohnt für 8,99 Euro aber sicher auch ein Kauf :-)

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  2. Wouw. Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass das Buch so gut sein soll, wo das Cover doch eher weniger ansprechend ist. Das klingt nach einem Buch, das, vor allem weil es so dünn ist, bald mal näher angeschaut wird. :) Übrigens hätte ich da noch eine Frage - wie hast Du es geschafft, die Farbe der Bilderrahmen (also wie beim Cover) zu ändern? :)
    Liebste Grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

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    1. "Don't judge a book by it's cover!" Das Buch ist wirklich keine Schönheit, aber da ich mit meiner positiven Meinung ganz und gar nicht alleine dastehe, lohnt eine Investition, denke ich, trotzdem :-)
      Die Farbe der Bilderrahmen konnte ich unter den erweiterten Einstellungen meiner Vorlage auf "transparent" ändern - allerdings scheint das nicht bei jeder Vorlage zu klappen, bei meiner alten hatte ich auch immer weiße Rahmen. Sonst kann man das sicher auch im HTML ändern, aber da trau ich persönlich mich nicht ran :-) Hoffe, das konnte ein bisschen helfen!

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  3. http://indescriptible.blog.de/

    jedes Mal, wenn ich das Buch irgendwo sehe überleg ich ob ichs kaufen soll^^ SO begeistert wie du klingst, sollte ich es mal endlich tun...

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    1. Ich glaube ja, dass man mit "Tschick" nicht viel falsch machen kann - wenn du es also das nächste Mal im Buchladen siehst: Greif zu! :-)

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  4. Wir haben das Buch in der Schule gelesen und ich fand es teilweise echt "schlimm" wie viele von dem Buch geschwärmt haben.
    Also von der Spontanität her, fand ich das Buch zwar echt gut gelungen. Mir haben die Dialoge an manchen Stellen auch zugesagt.
    Aber z.B. das Ende der Geschichte war für mich unbefriedigend. Es war so vielsagend und eben ein "typisches" Ende für Roadmovies bzw. Bücher.

    liebe Grüße
    Emma

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    1. Waaas? Auf welche Schule gehst du denn bitte, dass du dort "Tschick" lesen durftest? Also wir mussten den "Schimmelreiter" oder "Kleider machen Leute" lesen - DAS sind schlimme Bücher :-)
      Schade, dass es dir nicht so gut gefallen hat - aber wenn man ein Buch lesen MUSS, geht man natürlich auch schon ganz anders daran. Und ich weiß auch nicht, ob ich in der Klasse so viel Stoff zum Diskutieren finden würde... mir fiel die Rezension schon nicht ganz leicht und ich denke, "Tschick" muss man einfach auf sich wirken lassen anstatt es - wie im Deutsch-Unterricht üblich - so "auseinanderzunehmen".
      Das Ende fand ich sehr konsequent und ich könnte mir gar kein richtiges "abgeschlossenes" Ende dabei vorstellen. Es stimmt schon, dass es eher typisch für solch einen Roadtrip ist, aber das hat mich nicht gestört, im Gegenteil: Mit einem Happy-End oder "alle tot" wäre ich gar nicht zufrieden gewesen ;-)

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  5. Wunderbar durchgeknallt klingt gut!
    Vielen Dank. Ich habe das Buch auch schon öfter in der Hand gehabt, konnte mich aber nie entscheiden. Jetzt packe ich es aber endgültig auf meine Wunschliste. ;)

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    1. Yeah... ich hab ein weiteres Buch zu Hermias langer SuB-/Wunschliste hinzugefügt *tanz*
      Aber "tschick" sollte man nicht verpassen, denke ich - Maik und Tschick sind wirklich zwei Verrückte :-)

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    2. Meine Wunschliste ist ziemlich klein. ;)
      Nur mein SuB, der ist es ... nicht. *räusper*

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  6. Danke für den süßen Kommentar :)
    Es war wirklich schönes Wetter - der letzte sonnige Tag, seitdem regnet es hier nur.. ich hab wirklich Glück gehabt :D
    Das Kleid habe ich letztes Jahr im Primark gekauft :) Ob es das noch gibt, kann ich dir nicht sagen, aber in dem Stil haben die bestimmt noch welche. :))

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    1. Aber gerne doch :-) Und danke dir fürs Antworten!
      Hier regnet es auch ständig, es bleibt nur zu hoffen, dass es bis zu meinem Geburtstag am nächsten Wochenende wieder besser wird *grummel*
      Ach ja... Primark! Leider gibt es bei uns in Münster und Umgebung noch keinen, ich war bloß einmal in Bremen, und da musste man echt viel Zeit und gute Nerven mitbringen :-)

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  7. super buch es ist absolut empfelenswert

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  8. Du hast einen tollen Blog!
    Hab mich gleich mal als Leser eingetragen :)
    Lg Jan

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