Mittwoch, 6. Juni 2012

[Rezension] Malinda Lo - Ash

 Der Tod ihres Vaters veränderte alles.


Fakten rund ums Buch:
Genre: Märchenadaption / Fantasy
Originaltitel: Ash
Ausgabe: Hardcover
Seitenzahl: 272
erschienen: November 2010
Preis: 12,99 Euro
Link zum Verlag 


"Bist du zu mir gekommen, um mir ein Märchen zu erzählen?", fragte er mit spöttisch verzogenem Mund. Ash ließ sich davon nicht abschrecken. "Stimmt es?", hakte sie nach. "Ist die Geschichte wahr?"



Klappentext:

Als Ashs Vater stirbt, beginnt ihre Stiefmutter, sie wie eine Sklavin zu behandeln. Wann immer Ash entkommen kann, schleicht sie sich in die Wälder – denn dort, so heißt es, suchen Feenmänner nach Frauen, die sie als ihre Geliebten entführen können. Und obwohl dies ihren Tod bedeuten würde, erscheint es Ash besser als das Leben, zu dem sie verdammt zu sein scheint. Doch dann ändert sich alles, als der Königssohn beginnt, Brautschau zu halten, und sein Hofstaat in Ashs Dorf kommt …


Meine Meinung:

Eins gleich vorneweg: Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, um dieses dünne Büchlein zu lesen. Das Geschehen zieht sich dermaßen in die Länge, dass man nur schwer in die Geschichte hineinkommt, Spannung findet man quasi gar nicht. Ein gutes Beispiel dafür ist bereits der Beginn des Buches, bei dem zunächst die lange Tradition der Feenmagie aufgerollt wird, ohne dass man weiß, welchen Zusammenhang diese später mit der "Aschenputtel"-Geschichte hat. Doch auch im Folgenden geht es so weiter, dass einem viele Passagen eher unnütz vorkommen und manche Ereignisse anscheinend nur geschehen, um die Seiten zu füllen.

Erschwert wurde es mir noch dadurch, dass im ganzen Buch immer wieder alte Sagen und Legenden aus der Feenwelt eingeflochten werden, die an sich kaum etwas mit der Geschichte zu tun haben und den Lesefluss zusätzlich stören (interessiert hätte mich noch, ob es diese Sagen wirklich gibt oder ob sie von Malinda Lo erfunden wurden - aber dazu gibt es leider keinen Hinweis im Buch). Selbst am typischen Ablauf von Grimms "Aschenputtel" kann man sich nicht orientieren, da die Geschichte oft eigene Wege geht und es zahlreiche Abwandlungen gibt.
Eine der Abweichungen, die mich dabei am meisten gestört hat, war auf jeden Fall folgende (Achtung kleiner Spoiler - um die Schrift sichtbar zu machen, bitte einfach den Text markieren): Aschenputtel verliebt sich gar nicht in den Prinzen, sondern entdeckt nach und nach ihre lesbischen Gefühle. Am Anfang dachte ich noch, dass ich Ashs verstohlene Blicke auf ihre weiblichen Bekanntschaften einfach falsch interpretieren würde, doch als es später zu etwas eindeutigeren Situationen kam, habe ich nur noch kopfschüttelnd festgestellt: "Das kann Malinda Lo jetzt nicht ernst meinen." Sicher mögen es viele Leser mutig finden, eine solche Liebesgeschichte in einem altehrwürdigen Märchen unterzubringen, doch für mich passte es einfach gar nicht ins Geschehen - schließlich habe ich eine Märchennacherzählung samt Prinzen und rauschenden Ballnächten erwartet :-) Und ganz davon abgesehen, ist es für die Zeit, in der Ash lebt, schlicht unvorstellbar, dass ein solche Liebe öffentlich bei Hofe geduldet wird.

Einzig die Welt der Feen wurde meiner Meinung nach stimmig in die Geschichte integriert. Kennt man aus "Aschenputtel" lediglich die gute Fee, die das Mädchen mit teuren Kleidern und einer Kutsche für den Ball beglückt, so ist Malinda Los düstere Version der Feenwelt eine interessante Variante von Grimms Märchen. Über den geheimnisvollen Feenkönig Sidhean, der wie ein teuflischer Mephisto wirkt, an den Ash ihre Seele verkauft, hätte ich gerne mehr gelesen.

Sprachlich kommt "Ash" sehr verspielt daher und erinnert damit an den Stil vieler alter Märchen - was für eine Märchenadaption ja erstmal nichts Schlechtes sein muss. Was mich aber in einem 10-seitigen Märchen überzeugt - die Beschränkung aufs Wesentliche und damit einhergehend kaum Beschreibungen sowie stereotype Charaktere und die eindeutige Einteilung in "Gut" und "Böse" - hat mich in diesem 270-seitigen Werk doch sehr gestört. Bei keiner Person konnte ich mir richtig ausmalen, wie sie aussieht oder nach welchen Motiven sie handelt! Dies hat zum Beispiel auch dazu geführt, dass ich Aschenputtels Stiefschwestern zu Beginn ständig verwechselt habe. Sogar von Ash selbst erfährt man leider viel zu wenig: War die Trauer um den Tod ihrer Eltern zu Beginn der Geschichte noch nachvollziehbar, so konnte ich mich danach kaum mit ihrer Figur identifizieren. Die große Liebe, die sie verspüren will, habe ich auf keiner Seite gefühlt. 


Mein Fazit:

Insgesamt eine ziemlich unüberzeugende Märchenadaption, die sehr langatmig und ohne Spannung daherkommt. Aufgrund einiger schlechter Bewertungen, die das Buch bereits erhalten hat, bin ich mit eher niedrigen Erwartungen ans Lesen gegangen - und trotzdem wurde ich noch enttäuscht! 3 von 10 Bücherdiebinnen.


Kommentare:

  1. Uah. Das wird sofort von meiner Wunschliste gestrichen ^^ Vor einem Jahr war ich kurz davor es zu kaufen, glücklicherweise habe ich mich irgendwie davon abhalten können. Das klingt nämlich absolut gar nicht nach meinem Geschmack. Schade, dabei können Märchenadaptionen echt toll sein...

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    1. Ich bin ja auch ein großer Freund von Märchenadaptionen, obwohl ich in letzter Zeit nie so viel Glück damit hatte... Und "Ash" war jetzt leider ein besonders schlechtes Beispiel - dabei mag ich das "Aschenputtel"-Märchen eigentlich sehr gern :-/

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  2. Hmm eins der Bücher, die mir von Anfang an - ohne es zu lesen und ohne große Begründung - unsymphatisch waren .. gut, dass ich aufs Gefühl gehört habe, wenn ich mir so Deine Rezi durchlese. Danke für die ehrliche Meinung!

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    1. Gern geschehen! Ich fand das Cover und das kleine Büchlein eigentlich von Beginn an sehr sympathisch - allerdings nur, bis ich es jetzt gelesen habe :-)

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  3. Das klingt ja wirklich übel. :o Vielen Dank für die Warnung - das Cover hatte mich eigentlich angesprochen, aber jetzt werde ich es mir allerhöchstens noch ausleihen, wenn überhaupt. Eine gute Rezension. :)
    Liebste Grüße!

    killthesilencce.blogspot.com

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    1. Ja, ich hab mich auch von Cover und Format zu "Ash" verleiten lassen - leider ein Fehler :-/ Wenn ich dich noch nicht ganz abschrecken konnte *lach*, kannst du es ja auch mal mit der Leseprobe versuchen und schauen, ob dir der Schreibstil vielleicht besser gefällt: http://www.droemer-knaur.de/livebook/LP_978-3-426-28344-8/index.html

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  4. Ich fand das Buch auch eher langweilig. Im Gegensatz zu dir fand ich aber, dass es sich viel zu sehr an den traditionellen Aschenputtel-Verlauf gehalten hat, da haben mir die Überraschungen gefehlt. Ja und das mit den Charakteren sehe ich wie du, die waren viel zu farblos und eindimensional.

    Die Sache mit Kaisa fand ich aber total gut, das war mal was anderes. Ich finde auch nicht, dass man sagen kann, dass sowas "zu dieser Zeit" nicht geduldet wurde, Malinda Lo erschafft ja ihr ganz eigenes, alternatives Universum und ich finde es erfrischen, dass manche Vorlieben da nicht so thematisiert und kritisiert werden wie zu anderen Zeiten/in anderen Welten.

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    1. Echt? Ich finde, dass es so viel traditionellen Aschenputtel-Verlauf gar nicht gibt :-) Klar, am Anfang stirbt der Vater und Ash kommt zu ihrer bösen Stiefmutter und den fiesen Stiefschwestern - aber dann? Wo ist der Zweig, den sich Aschenputtel als "Geschenk" von ihrem Vater wünscht? Wo sind die Erbsen? Wo der gläserne Schuh? Wenn ich eine Märchennacherzählung lese, erwarte ich doch, dass in gewisser Weise all diese zentralen Punkte irgendwo vorkommen. Da fand ich z.B. "Beastly" von Alex Flinn besser, auch wenn ich da andere Kritikpunkte habe...

      Und zur Jägerinnen-Liebe: Ich empfand es beim Lesen nicht so, als wenn Malinda Lo hier ihr eigenes "Universum" erschafft, dafür gab es für mich einfach zu wenig Anhaltspunkte und Beschreibungen. Kann aber auch sein, dass ich da was überlesen habe. In meinen Augen spielte die Geschichte einfach im 19. Jahrhundert und es gab halt Feen dazu :-) Wie würdest du "Ash" denn zeitlich einordnen?

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    2. Stimmt, es fehlen auf jeden Fall einige wichtige Motive, aber mir war der Storyverlauf einfach zu langweilig, z.B. war ja klar, dass ihr Vater stirbt und sie dann von Stiefmutter und -schwestern schlecht behandelt wird, aber eh das passiert dauert es einfach eeeewig. Danach wird es ja dann zum Glück etwas abwechslungsreicher.

      Beastly ist wirklich ein ganz anderes Kaliber ;D Das fand ich von der Story her übrigens auch ziemlich langweilig (aber auch ein wenig unterhaltsam)

      Hm, vllt bin ich da auch voreingenommen. Es ist lange her, dass ich Ash gelesen habe und seitdem habe ich auch den Blog der Autorin verfolgt und ich glaube, da hat sie auch schon öfter gesagt, dass ihre Bücher in ihrem eigenen Universum spielen, deshalb könnte ich es jetzt zeitlich auch nicht einordnen. Das mache ich bei Fantasy/Märchen generell nicht, weil das für mich klar ist, dass es eben eine Art Parallelwelt ist (die oft am ehesten an unsere mittelalterlichen Zeiten erinnert).
      Auf jeden Fall konnte mich die Homosexualität in dem Buch auch nicht überrumpeln, ich wusste schon vor dem Lesen, dass es darum geht (ich habe das Gefühl im englischen Raum wurde das Buch damit vermarktet, während es im deutschen eher geheim gehalten wurde, um einen kleinen Überraschungseffekt im Buch zu haben).

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    3. Hehe, da hast du Recht, bis in "Ash" mal was passiert, dauert es wirklich Eeewigkeiten. Ich hab das Buch auch wirklich oft zur Seite legen müssen, weil ich deswegen so unmotiviert war.

      Von einer Märchennacherzählung erwarte ich im Grunde nicht, dass sie wahnsinnig spannend ist (eben weil ich den groben Ablauf ja schon kenne), mir ist es viel wichtiger, dass die zentralen Motive irgendwie neu eingebaut werden und ich dann "entdecken" kann. Z.B. fand ich hier Sidhean als "gute Fee" wirklich interessant umgesetzt.

      Ich hatte vor dem Lesen keine Ahnung, dass es um eine lesbische Liebe geht (deswegen habe ich es für die anderen Leser auch vorsichtshalber in den Spoiler geschrieben). Einen Überraschungseffekt hat Malinda Lo damit auf jeden Fall bei mir hervorgerufen, aber keinen positiven! Ich wollte doch meinen Prinzen, der mit einem gläsernen Schuh wie bekloppt durchs Dorf jagt :-)

      Wenn ich Fantasy lese, dann meistens Urban Fantasy, bei der ich noch einen Bezug zur realen Welt habe. Wahrscheinlich habe ich auch deswegen bei "Ash" nie an ein anderes Universum, sondern an eine reale Umgebung mit parallel existierenden Feen gedacht. Interessant, was es doch für verschiedene Lesarten gibt! (und Frau Lo hätte ihre Welt ruhig mal mehr beschreiben können, damit alle ihre Leser mit den gleichen Voraussetzungen an ihr Buch gehen können...)

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  5. Bei mir ist das eher andersrum. Für mich müssen Märchenneuerzählungen auch spannend sein und etwas mit dem altbekannten Märchen (oder den Motiven) anstellen, dass ich nicht erwartet habe. Einfach nur modernisieren (a la Beastly) finde ich langweilig. Vllt hat mir deshalb auch der Prinz überhaupt nicht gefehlt ;)

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