Samstag, 9. Juni 2012

[Rezension] William Sleator - Das Haus der Treppen

Es musste eine Art Strafe sein - aber was hatte er denn getan?


Fakten rund ums Buch:
Genre: Dystopie
Originaltitel: House of Stairs
Ausgabe: Taschenbuch
Seitenzahl: 190
erschienen: Mai 1986
Preis: 5,95 Euro
Link zum Verlag 


"Er konnte nichts anderes sehen als Treppen. Das hohe, schmale Podest, auf dem er stand, schien die einzige Ebene zu sein, denn über und unter ihm waren nur Treppenfluchten, die sich in der Ferne verloren. Ohne Geländer stiegen und fielen sie in beängstigenden Neigungswinkeln, gabelten sich, wanden sich wendeltreppenartig, führten auf kurzen Strecken nebeneinander her, um sich gleich wieder voneinander abzuwenden [...] er konnte keine Wände sehen, keinen Boden, keine Decke. Nur Treppen."


Klappentext: 

Fünf 16jährige finden sich plötzlich an einem merkwürdigen Ort wieder, wo es nur Treppen gibt, die ins Nichts zu führen scheinen. Die Jugendlichen begreifen schnell, dass sie sich in einer lebensbedrohenden Lage befinden, die ihnen das Äußerste abverlangt, und dass bestimmte Verhaltensmuster belohnt werden. Bald bricht unter den Jugendlichen ein Kampf aller gegen alle aus. Doch da wollen Lola und Peter nicht mehr mitmachen. Ungeachtet der Konsequenzen, versuchen sie den Teufelskreis zu durchbrechen ...


Meine Meinung:

Im derzeitigen Hype um Dystopien wie "Die Tribute von Panem", "Die Auserwählten" oder "Cassia und Ky" wollte ich es auch einmal mit einem älteren Werk dieses Genres aus dem Jahre 1986 versuchen. Von den Klassikern kannte ich bisher nur Titel aus dem Bereich der Erwachsenenliteratur wie etwa "1984" von George Orwell oder "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury und so war ich gespannt auf meinen ersten dystopischen Jugendbuchklassiker. "Das Haus der Treppen" wird heute auch oft im Schulunterricht behandelt, was ja (meist, wenn auch nicht immer) für eine gewisse Qualität des Buches spricht, und so wollte ich es einmal mit dieser Lektüre versuchen.

Das Szenario fand ich zunächst sehr ansprechend. Fünf Jugendliche wachen an einem sonderbaren Ort auf, haben keine Ahnung, wie sie dorthin gelangt sind oder wie sie dort ausbrechen können. Dies erinnerte mich sofort an den ersten Teil der "Auserwählten: Im Labyrinth" von James Dashner, bei dem Jugendliche auf einer einsamen Lichtung erwachen, die nur von einem großen Labyrinth umgeben ist, aus dem sie zu fliehen versuchen. Oder auch an den Horrorfilm "Cube" (Link zu amazon), bei dem sechs Leute in einem mysteriösen Würfelsystem wieder zu Bewusstsein kommen und nun verzweifelt versuchen, ihren Weg dort heraus zu finden. Fairerweise muss man natürlich sagen, dass "Das Haus der Treppen" lange Zeit vor diesem Buch / diesem Film herausgegeben wurde - doch zeigen die modernen Vergleiche auch, dass hier ein Thema aufgegriffen wird, dass die Menschen auch heute, 26 Jahre später, noch zu beschäftigen weiß.

Leider ging es im "Haus der Treppen" jedoch kaum darum, dass die Jugendlichen nun zusammen einen Weg in die Freiheit suchen - sie resignieren relativ schnell und stellen fest, dass es wohl keine Fluchtmöglichkeit geben wird. Vielmehr versuchen sie daher, in dem geheimnisvollen Haus zu überleben: Bald finden sie eine Maschine, die ihnen als Belohnung für bestimmte Verhaltensweisen Fleischstücke ausspuckt - neben einer Wasserquelle das einzige Lebensmittel im "Haus der Treppen". Doch sie müssen auch feststellen, dass die Maschine sehr schnell immer extremere Verhaltensweisen von ihnen fordert und die Fünf zwingt, sich gegenseitig zu schikanieren. Den Wandel der Jugendlichen mitzuerleben - wer bereit ist, wie viel für sein Überleben zu opfern - fand ich sehr interessant dargestellt (auch wenn man sich dessen Auflösung nach der Hälfte des Buches fast schon denken konnte).

Was mir allerdings gar nicht gefallen hat, waren die Charaktere an sich. Als Leser mag ich es, selbst herauszufinden, ob ich eine Person nett finde, ob sie moralisch handeln kann, was ihre Stärken und Schwächen sind und so weiter... Im "Haus der Treppen" wird einem dieses "Erleben" der Personen fast komplett abgesprochen. Die fünf Jugendlichen werden als strenge Stereotypen abgebildet: Da gibt es den schüchternen Peter, die willensstarke Lola, den Möchtegern-Macho Oliver, das dicke und gehässige Mädchen Blossom und zuletzt die hübsche Abigail, die von allen geliebt werden möchte. Mit genau diesen Eigenschaften werden die Charaktere vorgestellt, zusätzlich erfährt man noch in den Gedanken der Fünf (die Erzählsicht wechselt zwischen den Jugendlichen hin und her), wer wen sympathisch oder unsympathisch findet. Dies hätte man sicherlich spannender gestalten können, in dem man der Geschichte und ihren Charakteren mehr Zeit gibt: Zeit, sich kennenzulernen und in Gesprächen herauszufinden, wer wie zu wem steht.
Zwar mag es für den Kern der Geschichte - das Antrainieren bestimmter Verhaltensweisen in extremen Situationen - nicht so wichtig sein, WER die einzelnen Charaktere sind, aber ich hätte mir gewünscht, die Veränderungen der Personen und ihrer Gefühle zueinander besser miterleben zu können. So allerdings kam ich mir als Leserin hier sehr bevormundet vor.

Insgesamt waren die 190 Seiten dieses Klassikers jedoch recht kurzweilig zu lesen. Spannung wurde schon allein aufgrund des ungewöhnlichen Schauplatzes erzeugt. Die späteren Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen waren interessant mitzuerleben und das Ende lässt den Leser mit der Frage zurück: Wie hätte ich wohl selbst in dieser Situation gehandelt? Sicherlich ein Buch, das zum Nachdenken über das eigene Verhalten anregt.


Mein Fazit:

Ein durchaus lesenswerter Klassiker im Bereich der Jugenddystopien, der mich allerdings aufgrund seiner stereotypen Charaktere nur teilweise überzeugen konnte. Der Aspekt, wie man Menschen bestimmte Verhaltensweisen antrainieren kann, wurde hier auf interessante Weise herausgearbeitet - kommt aber nur teilweise der Gesellschaftskritik gleich, die ich mir hauptsächlich von einer Dystopie erhoffe. Die zuvor genannten aktuelleren Vertreter dieses Genres kann ich daher allesamt eher empfehlen als "Das Haus der Treppen"! 6 von 10 Bücherdiebinnen.


Kommentare:

  1. Hey,

    ich hab das Buch tatsächlich im Schulunterricht mal gelesen und kann dir bei deiner Bewertung ziemlich restlos zustimmen. Etwas verwundert hat mich die Einordnung als Dystopie. Wir haben es damals schon nur im Rahmen einer Unterrichtsreihe, wie beeinflussbar Menschen sind, durchgenommen. Gar nicht erst als Dystopie. Vielleicht machte das den Unterschied ;-)

    Lg Shira

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    1. Hey Shira, danke für deinen Kommentar! Bei der Einordnung in ein Genre scheinen sich bei diesem Buch echt die Geister zu scheiden ;-) Ich habe es als Dystopie kennengelernt und denke, dass gerade auch der Schluss eindeutige dystopische Züge hat (wer würde heute so etwas zulassen?). Der Rest - hm, nicht gerade dystopisch, eher eine Charakterstudie. Ich denke, man kann es auf diese oder jene Art lesen. Auf jeden Fall ein spannendes Buch, da sind wir uns einig ;-)

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  2. Danke für deine interessante Rezension! Ich kann es nicht mehr im Einzelnen sagen, aber ich weiß noch, das ich das Buch mit ca. 15 Jahren, also vor ca. 12 Jahren gelesen habe und es ganz großartig fand.
    LG
    Yvonne

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    1. Aber gerne doch :-) Wuhu, mit 12 Jahren ist das Buch sicher ganz schön harte Kost, oder? Ich kannte es bis vor kurzem gar nicht, aber bin froh, es noch entdeckt zu haben! ;-)

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  3. An das Buch habe ich mich tatsächlich erinnert, als ich vor Kurzem die Tribute von Panem für mich entdeckt habe. Finde ich da auch passender als den Orwell-Vergleich, der eher auf Cassia und Ky zu münzen ist.
    Leider weiß ich keine Charakterdetails mehr, aber dass ich mich an ein Buch zurückerinnere, das ich vor etwa 12 Jahren gelesen habe, lässt darauf schließen, dass es mich irgendwie nachhaltig geprägt hat. Schön, dass du noch einmal detailierter daran erinnert hast. Kann mir gut vorstellen, dass so etwas als Schullektüre funktioniert; bei uns gabs stattdessen den Herrn der Fliegen und Fahrenheit.
    Ich lese gerne Dystopien und freue mich über den aktuellen Hype, weil das für mich jede Menge neuen Lesestoff verspricht :)

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    1. Toll, dass du dich noch an das Buch erinnern kannst! Ich kannte es bis vor kurzem ja nicht mal ;-) An die "Tribute von Panem" musste ich auch direkt denken, mehr noch aber eben an die "Auserwählten", obwohl das Buch am Ende ja eine ganz andere Wendung nimmt. Mit Orwell würde ich es auch eher weniger vergleichen.
      In der Schule haben wir leider gar keine Dystopien durchgenommen, "Fahrenheit 451" hätte ich da auch klasse gefunden! "Herr der Fliegen" habe ich gerade in einer Neuauflage geschenkt bekommen - da bin ich schon sehr gespannt darauf! Ich gebe dir also völlig recht: Dystopien sind toll! :-)

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  4. Ich lese das Buch mit meinen Schüler der 8. Klasse. Deine Gedanken finde ich sehr passend. Mir gefielen die Stereotypen auch nicht besonders. Mir ist die Geschichte auch optisch zu fade, ich "sehe" beim Lesen gerne etwas mehr.
    Trotzdem habe ich mich für die Lektüre mit den Jugendlichen entschieden, weil ich die existenziellen Fragestellungen für wichtig halte.

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    1. Na, da wäre ich ja mal gespannt, wie das Buch bei deinen Schülern ankommt! Vielleicht habt ihr ja Lust, im Unterricht eine Rezension dazu zu schreiben?
      Als Schullektüre kann ich mir das Buch gut vorstellen, denn die Situation, in der die fünf Protagonisten sind, bietet sicher viel Stoff zum Diskutieren. Und vielleicht haben deine Schüler ja auch das eine oder andere aktuelle Buch zum Thema gelesen und ihr könnt vergleichen?

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  5. Ich fande deine Demostration des Buches sehr interesant.
    Ich nehme dieses Buch gerade selber im Unterricht duch und finde es sehr komplieziert zu lesen,es ist nicht einfach den Text gleich aufn anhib zu verstehen.
    Eine Aufgabe ist es das Thema des Buches herraus zu finden,
    da du das Buch schonmal gelesen hast kanst du mir doch bestimmt sagen was dieses Buch thematiesiet.
    ich benötige nur ein Schlagwort.
    Ich wehre dir sehr dankbar.

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    1. Haha, und jetzt soll ich deine Hausaufgaben machen???
      Hmmmm ... also ich glaube das Thema des Buches sind Treppen - Treppen und wie sie unser Leben symbolisieren. Also mit all den Aufs und Abs, die es im Leben so gibt. Und es gibt steinige Treppen und lange Treppen, die die Schwierigkeiten des Lebens zeigen. Und manchmal geht es eben auch bergab. ;-)
      Viele Grüße an seinen Deutschlehrer!

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