Montag, 30. Juli 2012

[Rezension] Gregory Maguire
- Wicked. Die Hexen von Oz

Die wahre Geschichte der bösen Hexe des Westens


Fakten rund ums Buch:
Genre: Fantasy
Originaltitel: Wicked: The Life and Times of the Wicked Witch of the West
Ausgabe: Klappenbroschur
Seitenzahl: 532
erschienen: Januar 2008
Preis: 19,95 Euro
Link zum Verlag


Sie waren zu viert. Sie konnte eine große KATZE erkennen - ein LÖWE, oder? - und einen metallisch glänzenden Holzfäller. Der Holzfäller, der aus Blech sein musste, zupfte Nissen aus der Mähne des LÖWEN, und der LÖWE brummelte und zuckte jedes Mal vor Unbehagen. Eine lebende Vogelscheuche fläzte in der Nähe und blies Pusteblumen in den Wind. Das Mädchen war hinter den wehenden Weidenvorhängen nicht zu sehen.
"Wenn man den Leuten glauben darf, ist die überlebende Schwester regelrecht verrückt", sagte der LÖWE. "Eine Hexe, wie sie im Buche steht. Psychisch verkorkst, von Dämonen besessen. Geisteskrank. Kein schöner Anblick."


Klappentext:

Als Dorothy im »Zauberer von Oz« über die Böse Hexe des Westens triumphierte, bekamen wir nur ihre Version der Geschichte erzählt. Aber was ist mit der geheimnisvollen Hexe selbst? Woher kam sie? Wie wurde sie so böse? Und nicht zuletzt: Wie gut ist das Gute und wie böse das Böse?
Elphabas Geburt ist von einem Geheimnis begleitet, sie kam mit einer leuchtend grünen Haut zur Welt. Das eigensinnige Mädchen, das anders ist als die anderen, erlebt eine äußerst turbulente Kindheit: der Vater ein aufrechter und strenger Prediger, die Mutter eine leichtlebige Schönheit, dem Alkohol und den Männern zugetan. Während Elphaba an der Universität von Shiz Biologie studiert, ist der Zauberer von Oz dabei, die Rechte der »TIERE« - die im Gegensatz zu den einfachen Tieren sprechen können und eine Seele haben - beängstigend einzuschränken. Aber außer Elphaba scheint sich kaum jemand daran zu stören ...


Meine Meinung:

Bearbeitungen von Büchern reichen selten an ihre literarische Vorlage heran. Ich kenne wohl kaum jemanden, der nicht schon mal über eine schlechte Buchverfilmung gemeckert hätte oder enttäuscht aus dem Theater gekommen wäre, weil ein Klassiker dort in völlig unpassendem neuen Gewand präsentiert wurde. "Wicked" habe ich vor circa zwei Jahren als Musical in London gesehen und war von vorne bis hinten so begeistert, dass ich noch immer gern in die Lieder hineinhöre und mich an die tolle Bühnenshow und die interessante Geschichte dahinter zurückerinnere. Wie habe ich mich daher darauf gefreut, jetzt endlich die Buchvorlage von Gregory Maguire zu lesen! - Mit entsprechend hohen Erwartungen bin ich an die Vorlage zu diesem Musical herangegangen und bin leider maßlos enttäuscht worden.

Das ganze Buch ist durchsetzt von langwierigen bis langweiligen Passagen. Gregory Maguire fängt wirklich bei Null an und lässt uns an dem kompletten Leben von Elphaba teilhaben. Beginnt das Musical erst so richtig, sobald die Hexe im Internat von Shiz ankommt, so breitet das Buch Elphabas Geburt und Kindheit bereits auf über 80 Seiten aus - doch außer dass sie grün (und damit natürlich böse) ist, erhält der Leser hier kaum relevante Informationen.

Trotzdem habe ich tapfer durchgehalten und auf eine Wende gehofft, wenn Elphaba endlich zur Universität geht und dort Glinda - die spätere Gute Hexe aus dem Süden - sowie den schnuckeligen Fiyero kennenlernt. Das Musical birgt hier durch die Rivalität der beiden Frauen eine Menge Konfliktpotential, überzeugte aber auch mit seiner kritischen Betrachtung, wie eine Gruppe mit Andersartigkeit umgeht und wie Elphaba zunächst von den anderen gemieden wird, bloß weil sie grün ist. Das Buch streift diese Punkte zwar auch, stellt sie aber nie als richtige Konflikte dar. Stattdessen befasst sich Gregory Maguire mehr und mehr mit der Unterdrückung der "TIERE", die im Gegensatz zu normalen "Tieren"selbstständig denken und fühlen können, nun aber zu gewöhnlichen Nutztieren degradiert werden sollen.

Wenn Elphaba und Glinda schließlich in der Mitte des Buches zum ersten Mal die Smaragdstadt bereisen, verliert sich die Geschichte komplett in der Beschreibung der politischen und religiösen Situation, was mich schier zur Verzweiflung brachte: Da werden verschiedene Religionen erklärt, die noch dazu alle einen komplizierten Namen tragen, aber gar nicht relevant für die eigentliche Geschichte scheinen; und da werden lang zurückliegende Kämpfe zwischen den einzelnen Teilen Oz' erklärt, die dazu geführt haben, dass die Smaragdstadt zu einem heruntergekommenen Ort geworden ist und das Land von einer Krise zur nächsten steuert. Diese ganzen Ausführungen haben mich bald das Schicksal von Elphaba aus den Augen verlieren und nie mehr richtig mit der Geschichte mitfühlen lassen.

Auch mit dem Schreibstil von Gregory Maguire konnte ich mich nicht richtig anfreunden. Viele Unterhaltungen sind sehr umgangssprachlich gehalten und er benutzt viele stillose bis obszöne Worte. Beides ist mir in diesem märchenhaften Kontext immer wieder negativ aufgefallen, weil es für mich einfach nicht in das Zauberland Oz zu passen schien.

Kleine Lichtblicke zwischendurch, die mich bei der Stange hielten und das Buch nicht komplett abbrechen ließen, waren die Referenzen auf den "Zauberer von Oz". Wenn ich den späteren ängstlichen Löwen schon als Baby kennenlernen oder die Entwiclung von Elphabas Schwester zur "Bösen Hexe des Ostens" verfolgen durfte, wusste ich wieder, warum ich zu diesem Buch gegriffen habe. Gregory Maguire hat den "Zauberer von Oz" sehr genau gelesen und eine stimmige Geschichte dahinter gebaut, die das bekannte Märchen ziemlich auf den Kopf dreht. Wie viel mehr hätte man aus diesen Ideen machen können!


Mein Fazit:

"Wicked. Die Hexen von Oz" konnte mich trotz der grandiosen Idee dahinter nicht überzeugen. Ich ziehe meinen Hut vor den Machern des Musicals, die aus diesem langatmigen und teils verworrenen Buch einen fesselnden Bühnenabend konzipiert haben! Das Musical kann ich jedem Liebhaber des "Zauberers von Oz" empfehlen - das Buch leider nicht. Die Nachfolger "Son of a Witch", "A Lion Among Men" und - ganz neu - "Out of Oz" (alle bisher nur auf Englisch erschienen) werde ich darum auch nicht lesen. 3 von 10 Bücherdiebinnen!


Kommentare:

  1. Hm, ich kenne nur das Musical, welches mir auch wirklich gut gefallen hat. Wenn das Buch aber so langatmig ist, werde ich es wohl doch nicht lesen. Hatte das immer mal überlegt, aber da ich die Geschichte jetzt auch schon kenne, wird es mir dann sicher doch zu langweilig. Schade eigentlich, denn "Der Zauberer von Oz" ist eine wirklich tolle Geschichte.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Buch ist schon ziemlich anders als das Musical - neue Sachen wirst du also auf jeden Fall entdecken können! Bloß mir haben diese Neuerungen gar nicht zugesagt und ich hatte ständig das Gefühl, die Geschichte "stimmt" so nicht *seufz* Dass dann noch so langatmig erzählt wird, hat mir wirklich den Rest gegeben :-/

      Löschen
    2. Hm, das Buch steht bei meinen Eltern im Regal. Vielleicht überlege ich es mir dann doch irgendwann noch einmal, wenn ich dort bin und Lust auf die Geschichte habe. Trotzdem schade, dass so viel Potenzial verschenkt wird.

      Löschen
    3. Du kannst ja mal reinlesen und schauen, ob dir der Stil des Buches vielleicht besser gefällt als mir. Aber tu mir einen Gefallen: Wenn es dich nach dem ersten Part (ca. 80 Seiten) noch nicht überzeugt hat, dann brich es ab - es wird nämlich nicht besser ;-) (hätte ich wohl auch besser tun sollen *hrmpf*)

      Löschen
  2. Oh, das hört sich ja leider gar nicht gut an. Das Musical kenne ich nicht, aber das Buch habe ich zuhause und habe mich eigentlich darauf gefreut. "Der Zauberer von Oz" mochte ich gerne und es ist auch eine tolle Idee, die Geschichte der bösen Hexe zu erzählen. Naja, vielleicht gefällt es mir ja doch, auch wenn es sich in deiner Rezension nicht so anhört, als könnte ich über deine Kritikpunkte einfach hinwegsehen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wenn du das Musical noch nicht kennst, wirst du sicherlich um einiges unbefangener an die Geschichte herangehen und mehr Spaß an den kleinen Referenzen zum "Zauberer von Oz" haben als ich - durch mein Vorwissen kannte ich diese natürlich schon und hatte mich eher auf weitere Hintergründe der Geschichte gefreut.
      Dass die Geschichte allerdings sehr langatmig erzählt wird und viele irrelevante Passagen enthält, darüber kann man aber auch so wohl schwer hinwegsehen.
      Ich bin gespannt, wie dir das Buch gefallen wird! Es gibt auf amazon ja durchaus auch positive Stimmen zum Buch :-)

      Löschen
  3. Puh, da bin ich froh, dass es anderen auch so geht, denn ich habe das Buch weggelegt. Es ist mir wegen der gelungen Sprache empfohlen worden, und auch wenn der Autor mit Sicherheit bewiesen hat, dass er gute Beschreibungen und atmosphärische Passagen schreiben kann, so hat mich doch die unglaubliche Brutalität und Obszönität, die in der Welt und den Figuren steckt und die du auch erwähnt hast, abgeschreckt.
    Mochte nicht weiterlesen.
    Für Fans von Oz empfehle ich das Original.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Professor :-)
      Ich bin ebenfalls erleichtert, dass es dir ähnlich mit "Wicked" ging! Eine interessante Atmosphäre hat das Buch sicherlich, aber das meiste ist einfach nur sehr deprimierend. Die Gewalt und die obszöne Sprache haben mich auch öfter überlegen lassen, ob ich das Buch nicht abbrechen soll, bloß die Referenzen auf den "Zauberer von Oz" haben mich dann wieder weiterlesen lassen.
      Das Original kann ich übrigens auch sehr empfehlen!

      Löschen
  4. Die Kritik kann ich leider nachvollziehen. Es ist schon einige Jahre her, da habe ich mich mal an dem Hörbuch versucht, aber ich bin überhaupt nicht in die Geschichte reingekommen. Es war sooo langweilig, deshalb hab ich dann auch abgebrochen. Wicked würde ich trotzdem sososososo gern mal sehen!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schade, dass es dir mit dem Hörbuch ähnlich wie mir ergangen ist! Die Geschichte nimmt einfach nicht an Fahrt auf und ich ärgere mich noch immer über die verschwendete Lesezeit :-/ Dabei ist das Thema sooo toll und man hätte echt viel draus machen können *grummel* Ich frage mich, ob die anderen Märchenbearbeitungen von Gregory Maguire genauso schlecht umgesetzt sind, denn thematisch klingen sie alle total interessant.
      Das "Wicked"-Musical solltest du dir auf jeden Fall einmal ansehen - leider läuft es, soweit ich weiß, momentan in Deutschland nicht mehr. Aber solltest du mal nach London kommen, kann ich es dir definitiv empfehlen! (auf Englisch sind die Texte sowieso um einiges besser *hust*)

      Löschen
    2. Die Idee finde ich auch total super und kreativ und hätte gern eine Geschichte darüber gelesen, aber so... :/ Mal schauen, was der neue Film über Oz bringt.

      Wicked lief leider auch nie in meiner Nähe, sonst hätte ich es mir garantiert schon angeguckt. Aber sobald es herkommt, geh ich hin!

      Löschen
    3. Oh ja, auf den neuen Oz-Film bin ich auch sehr gespannt! Leider scheint der "Zauberer von Oz" in Deutschland nicht so bekannt/beliebt zu sein wie im englischsprachigen Raum, sonst wäre "Wicked" hier sicher auch erfolgreicher gewesen und du hättest es mal in deiner Nähe erleben können!

      Löschen
    4. Sagt dir "Der Zauberer der Smaragdenstadt" etwas? Das kenne ich aus meiner Kindheit, das ist die tschechische Oz-Variante.

      Löschen
    5. Davon hatte ich vorher noch nie gehört. Interessant, dass es noch weitere Oz-Bearbeitungen gibt - und dann mit gleich so vielen Fortsetzungen! Die Reihe werde ich mir auf jeden Fall mal genauer ansehen!

      Löschen
    6. Es war wohl auch eher in der DDR/dem Osten bekannt. Weiß ja nicht, wo du herkommst :)
      Und ja, die Reihe wurde ewig fortgesetzt. Ich glaube wir hatten nur die ersten 5 Bänder oder so. Bin nicht sicher, aber ich glaube das wurde später auch von verschiedenen Autoren fortgeführt. Auf jeden Fall fand ich es totaaal toll als Kind :)

      Löschen
    7. Ich bin in der Nähe von Hannover aufgewachsen, das scheint wohl die Frage zu klären, warum ich die Reihe nicht kenne :-)

      Löschen
  5. Oh, das ist aber schade! Das Buch schwirrt, seit ich das Musical gesehen habe, in meinem Hinterkopf herum. Aber langatmige Geschichten ... nein danke! Schade, aber da vertraue ich lieber deinem Urteil, als dass ich es selbst versuche. ;)
    Danke für diese tolle Rezi!

    Alles Liebe,
    Steffi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So ging es mir auch, seit ich das Musical gesehen hatte, wollte ich unbedingt das Buch lesen - und dann kam so eine Enttäuschung :-/ Aber freut mich, dass ich jetzt immerhin andere Leser davor bewahren kann - die 20 Euro für dieses Buch kann man (leider!) wirklich in bessere Bücher investieren...

      Löschen