Samstag, 21. Juli 2012

[Rezension] Max Urlacher
- Rückenwind. Eine Liebesgeschichte

Ein Held, der von der Bühne fällt, ein Fußballer, der nicht mehr trifft, eine Kämpferin
für ein Land, das es nicht gibt, ein leeres Grab und ein Hoden, der fliegt. 



Fakten rund ums Buch:
Genre: Gegenwartsliteratur
Originaltitel: Rückenwind
Ausgabe: Taschenbuch
Seitenzahl: 336
erschienen: Mai 2010
Preis: 8,95 Euro
Link zum Verlag 


"Was will denn der Arsch?", rief einer der Nachbarszwillinge. Anton tat so, als hörte er nicht. Die Kinder beobachteten, wie sich Anton direkt vor Tobias stellte und ihm die Nutellahälften hinhielt. Wortlos griff sich Tobias eine. Hier endete Antons Plan. Was nun? Wohin mit dem zweiten Brötchen? Wohin mit sich? Nichts wie weg! Anton drehte sich um und lief zurück. Hätte er stehen bleiben sollen? Noch ein Weilchen warten? Nein. Doof. Oder? Und plötzlich spürte er ihn neben sich. Ein Ruck ging durch Antons Körper, als ob Leute in seinem Bauch tanzten, ihn großtanzten, ihn mit jedem Schritt, den Tobias neben ihm ging, größer und größer tanzten.


Klappentext:

Anton fühlt sich mit seinem besten Freund Tobias unverwundbar, mit Samar, seiner großen Liebe, einzigartig. Als ihn beide verlassen, ist er so verloren wie seit seiner Kindheit nicht mehr. Er tut alles, um sein altes Glück zurückzuerobern. In allen Winkeln der Welt sucht er nach sich und den – für immer? – verlorenen Freunden. Bis er sich auf der Großbildleinwand des Berliner Olympiastadions wiederfindet ...  


Wissenswertes:

Der Roman ist vor kurzem in einer Neuauflage - ebenfalls beim Knaur-Verlag - erschienen. Das Cover spricht mich zwar nicht so an wie das Brandenburger Tor mit der wunderschönen Pusteblume davor, aber es kostet nur 5,- Euro: Wenn das mal kein Grund ist, sich das Buch näher anzuschauen ;-) Außerdem gibt es auf youtube sehr unterhaltsame Auszüge aus einer Lesung mit dem Autor Max Urlacher und den beiden Schauspielern Julia Richter und Florian David Fitz zu sehen. Hier eines der Videos:



Meine Meinung:

Max Urlachers Roman trägt den Untertitel "Eine Liebesgeschichte", doch das ist meiner Meinung nach nicht ganz richtig. Denn der Autor erzählt uns von so vielen "Lieben", dass sein Roman einer ganzen Ode an die Liebe gleichkommt. Vor allem geht es in "Rückenwind" um eine große Freundschaft, die einer Liebe in vielen Punkten ähnlich ist. Im Kindergartenalter treffen Anton und Tobias aufeinander und werden schnell zu besten Freunden. Viele Jahre lang begleitet der Leser nun die beiden auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden: Über die Schulzeit, erste Verliebtheiten, den gemeinsamen Urlaub auf Korfu, Ausbildung und Studium bis hin zu den ersten großen Herausforderungen und Schicksalsschlägen ihres Lebens bleiben sich Anton und Tobias doch immer treu.
Und es gibt noch mehr Liebe in diesem Buch: die bedingungslose Liebe eines Großvaters zu seinem Enkel, die schwierige Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn, die sexuelle Liebe, die verflossene Liebe eines alten Ehepaars, die Liebe zum Fußball (Tobias) bzw. zum Theater (Anton), die Trauer um eine vergangene Liebe und - natürlich - die einzig wahre Liebe (die aber leider auch von vielen Komplikationen begleitet wird).

Die Handlung fasziniert vor allem aufgrund ihrer Schlichtheit: In kleinen alltäglichen und doch besonderen Situationen erfährt man mehr über das Leben der beiden Protagonisten. Der Roman spannt einen Bogen über mehr als 25 Jahre, und während man Anton und Tobias auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden begleitet, macht die Geschichte auch Halt an einigen historischen Situationen, z. B. dem Fall der Berliner Mauer und dem deutschen Fußball-Sommer 2006 - oder eher banalen Ereignissen wie der ersten Fernsehausstrahlung von Winnetous Tod. Dies füllte die Geschichte gleich mit noch mehr Leben, da ich sie teilweise mit eigenen Erinnerungen in Verbindung bringen konnte.

Anton und Tobias sind zwei absolut greifbare Charaktere, die man über die Seiten hinweg sehr gut kennenlernen darf und mit denen man gerne mitfült. Die vielen Episoden aus ihrem Leben haben mich abwechselnd mit ihnen lachen und weinen, bangen und hoffen lassen. Doch auch die Nebencharaktere konnten mich von sich überzeugen: Ganz vorne stand für mich dabei Antons Opa Fitz, der den beiden Jungs die Vaterfigur ersetzt und sie liebevoll durch alle Fahrwasser des Erwachsenwerdens lenkt. Da er selbst seinem einst besten Freund hinterhertrauert, macht er den beiden schon früh klar, wie wichtig es ist, eine Freundschaft zu pflegen. Doch auch die Großmutter wirkt still aus dem Hintergrund immer wieder auf das Geschehen ein, die Schulfreundin Emilie hat Lacher und Sympathien schnell auf ihrer Seite, der schwule Barbesitzer Röbi, der das Herz am rechten Fleck trägt, bringt den Jungs seine Lebensweisheiten und schweizer Schokolade näher und die unabhängige Samar - Antons große Liebe - ist (wie sie mit eigenen Worten sagen würde) schlicht "zauberhaft".

Die gesamte Geschichte wird aus einer allwissenden Erzählperspektive heraus geschildert. Finde ich es sonst in Büchern oft abschreckend, wenn der Autor sich zu sehr ins Geschehen einmischt, so passte dieser Erzählstil hier perfekt zu der Lebensgeschichte der beiden Protagonisten: Gerade in der ersten Hälfte des Buches wurden oft Hinweise gegeben, wie sich eine bestimmte Begebenheit auf die Zukunft auswirkt - und was sich im ersten Moment noch nach einer witzigen Anekdote anhörte, verkehrte sich manchmal ins Gegenteil und ließ mir nicht selten das Lachen im Halse stecken bleiben. Wurde dann in der zweiten Hälfte des Buches die Geschichte auf eines dieser Ereignisse zurückgelenkt, erhöhte sich die Spannung nur umso mehr, da man in etwa schon wusste, was passieren würde, die richtigen Zusammenhänge aber erst jetzt greifen und verstehen konnte.
Dadurch, dass man in verschiedene Charaktere hineinschlüpfen und die Geschichte so aus verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen konnte, wurden manche Zusammenhänge - und viele Missverständnisse zwischen den einzelnen Personen - erst so richtig deutlich. Auf diese Art verlor ich beim Lesen nie den Überblick über das "große Ganze" der Geschichte: die Liebe.


Mein Fazit:

"Rückenwind" erzählt eine bezaubernde Geschichte über Freundschaft und über Liebe, die mich tief berührt hat. Durch authentische Charaktere und einen bewegenden Schreibstil hat mich das Buch schnell für sich eingenommen - und als ich den Buchdeckel zugeklappt hatte, wollte ich eigentlich direkt wieder von vorne beginnen, so ungern habe ich die beiden Protagonisten ziehen lassen. Der Roman ist gespickt mit vielen kleinen Weisheiten; witzige Episoden stehen neben sehr ernsthaften Themen und lassen es zu keinem Zeitpunkt in Kitsch abgleiten. Für mich DAS Sommerbuch schlechthin: 10 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Deine Rezension gefällt mir, besonders weil ich momentan auf der Suche nach schönen Sommerbüchern bin. In diesen Tagen müssen wir uns ja den Sommer ins Haus holen und uns ihn herbei träumen. Für die Kinder hoffe ich, dass der Sommer uns zumindest in den Ferien noch ein paar sonnige Wochen beschert.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Toll, wenn ich dich auf das Buch neugierig machen konnte! Ich hoffe auch stark, dass wir noch schöne sonnige Tage in diesem Sommer verbringen können - bis dahin müssen wir uns den Sommer eben herbeiträumen ;-)
      Liebe Grüße!

      Löschen
  2. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen. "Rückenwind" gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Man liest es und ist glücklich! Perfekt für den Sommerurlaub und zum immer wieder Lesen!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das kann ich genauso unterschreiben - ein wunderschönes Buch, das ich sicherlich nicht zum letzten Mal gelesen habe!

      Löschen
  3. Ich lass mich immer zu solchen Romanen von dir verführen... böse Bücherdiebin! :D Jetzt muss ich schon wieder in die Buchhandlung :)
    Ich setzt das Buch auf jeden Fall auf die Wunschliste! Danke für die tolle Rezension.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh ja, bitte ganz schnell in die Buchhandlung! Da bin ich auch gerne eine böse Bücherdiebin :-) Das Buch ist sooo toll, ich hoffe, es bekommt noch viele Leser!

      Löschen