Sonntag, 21. Oktober 2012

[Rezension] Bettina Belitz - Linna singt

 Fünf Freunde. Fünf Jahre. Kein Wort.


Fakten rund ums Buch:
Genre: Contemporary Young Adult
Originaltitel: -
Ausgabe: Hardcover
Seitenzahl: 512
erschienen: September 2012
Preis: 18,95 Euro


Danach hatten wir noch drei gemeinsame Auftritte, den letzten im Februar, vor fast genau fünf Jahren, jener kalte, neblige Abend, an dem ich Falk und Maggie reden hörte und es plötzlich in meinen Ohren rauschte. Ich weiß nicht mehr, was sie redeten, ich will mich auch nicht erinnern, ich weiß nur, dass es in meinem Kopf zu rauschen begann und die nackte Panik sich auf meinen Rücken hängte und meine Kehle zusammenquetschte, bis ich nicht mehr sprechen konnte ... Ich musste es beenden, es ging nicht anders. Fünf Jahre haben wir uns nicht gesehen. Maggie, Jules, Simon, Falk und ich.


Klappentext:

Seit fünf Jahren hat Linna sie nicht mehr gesehen: Maggie, Simon, Jules und Falk, die ehemaligen Mitglieder ihrer Band. Nun treffen sie sich in einer Hütte in den Bergen wieder, um für einen Auftritt zu proben.
Linna hatte eigentlich keinen Grund, Maggies Einladung zu folgen, denn was die anderen nicht wissen: Seit damals hat sie keinen Ton gesungen. Doch etwas treibt sie an, sich ihrem alten Leben zu stellen: die Erinnerung an eine Nacht mit Falk, dem Gitarristen. Linna muss sagen, was vor fünf Jahren unausgesprochen blieb, und sie muss hören, ob Falk eine Antwort hat.

Bald beginnt die von Anfang an gespannte Atmosphäre zu kippen: Was als zwangloses Wiedersehen geplant war, wird zum zermürbenden Psychospiel, bei dem Linna immer mehr als Lügnerin dasteht. Sie gerät in einen Strudel aus Verdächtigungen, Abhängigkeiten und tragischen Missverständnissen, der sie schließlich zwingt, die Erinnerung an vergangenen Schmerz zuzulassen. Denn dort liegt der Schlüssel zu allem: der Grund dafür, dass Linna nicht mehr singt.


Meine Meinung:

Bettina Belitz ist spätestens seit ihrer "Splitterherz"-Trilogie bekannt für ihren wunderbaren Schreibstil, der einen sofort gefangen nimmt und es schafft, den Leser an andere Orte zu entführen und ihm die Gefühlslage der Charaktere am eigenen Leib spüren zu lassen. Auch "Linna singt" ist wieder so realistisch geschrieben, dass ich direkt in eine andere Welt abtauchen konnte: An den heißesten Tagen des Jahres las ich von einer eingeschneiten Berghütte, von ausgefallenen Heizungen und der Kälte und Nässe, die den Protagonisten bald durch Mark und Bein geht - und auch mir Zuhause kam eine Gänsehaut!

Linna macht es dem Leser wieder nicht einfach, sie gern zu haben - und erinnert damit sicherlich viele Leser noch an Ellie aus "Splitterherz". Sie reagiert abweisend auf Menschen, die es eigentlich gut mit ihr meinen, und verletzt damit unweigerlich und permanent jeden, der ihr zu nahe kommt. Ihre direkte Art machte sie zwar schon sympathisch, doch manchmal reagierte sie auch so sprunghaft, dass ich sie nie ganz einzuschätzen vermochte.
Auch die anderen Charaktere sind nicht gerade einfach gestrickt. Hier hat ein jeder sein Päckchen zu tragen, schleppt Enttäuschungen mit sich herum und Geheimnisse, die besser nie ans Licht kommen sollten. Für den Leser ist es nun sehr spannend mitzuerleben, wie diese unterschiedlichen, vom Leben gezeichneten Charaktere auf kleinstem Raume miteinander agieren. Dass dabei bald ordentlich die Fetzen fliegen, liegt auf der Hand!

Psychologisch ist der Roman wirklich perfekt herausgearbeitet: Zwischendurch wusste ich oft nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen konnte. Auch wie ich die Gedanken der Ich-Erzählerin Linna einschätzen sollte, war mir nicht immer klar - was ich als besonders verwirrend, aber auch intensiv empfunden habe: Wenn man so sehr in die Gefühlswelt einer Person abtauchen, ihr aber doch nicht hundertprozentig vertrauen kann, fängt man an, sich als Leser selbst zu hinterfragen und jede noch so kleine Andeutung sehr genau zu analysieren. Richtig schlau geworden bin ich aus Linna und ihren alten Bandkollegen trotzdem lange Zeit nicht - doch ihre Geheimnisse langsam zu entlarven erhöhte für mich den Reiz an der Geschichte nur umso mehr!

Die Psychospielchen der einzelnen Personen gingen mir sehr nahe. Manchmal schwirrte mir wirklich der Kopf, so grausam gingen die Protagonisten teils miteinander um. Und so kam es auch, dass ich das Buch mehrmals etwas zur Seite legen musste, um ein bisschen "Luft zu schnappen" und wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. "Linna singt" ist sicherlich kein Buch, was man mal eben nebenbei lesen kann, sondern verlangt viel Konzentration - dessen sollte man sich bewusst sein, bevor man mit dem Lesen beginnt. Doch wenn man sich auf Linna und ihre Vergangenheit einlässt, erwartet einen als Leser ein unglaublich intensives Leseerlebnis, das einen hautnah an sämtlichen Stimmungsschwankungen seiner Protagonisten teilhaben lässt.

So intensiv die Psychospielchen der Charktere allerdings waren, hätte ich mir ein noch furioseres Finale gewünscht. Ein, zwei Auflösungen gegen Ende des Buches kamen mir etwas zu banal vor, als dass sie ein Motiv für die teils wirklich beängstigenden Wendungen geliefert hätten. Meinen absolut positiven Gesamteindruck von "Linna singt" konnte dies jedoch nicht trüben und das sehr stimmige Ende hat mich vollends mit der Geschichte versöhnt.

Besonders gut hat mir außerdem gefallen, welch wichtige Rolle die Musik in dem Buch spielt: Sicherlich geht es um eine ehemalige Band, für deren Mitglieder Musik ein zentraler Bestandteil ihres Lebens darstellt(e). Doch wie wichtig die Musik wirklich für sie ist, spürt man hier förmlich auf jeder Seite: Das Buch ist gespickt mit den verschiedensten Songzitaten, die eine Rolle in Linnas Leben spielen, und die Kapitelanfänge bestehen allesamt aus Songtiteln von Mike Oldfield. Und selbst wenn mir nicht jedes dieser Lieder etwas gesagt hat, so vermittelen sie doch eine besondere Atmosphäre und zeigen, welchen Stellenwert die Musik im Leben von Linna einnimmt - und wie schwer ihr damit erst die Entscheidung fallen musste, nicht mehr zu singen.


Mein Fazit:

Ein psychologisch wahnsinnig dichter Roman - im Bereich Young Adult habe ich bisher kaum etwas vergleichbares gelesen. Ich war gleichzeitig gefesselt und mitgenommen von diesem Buch, so dass ich es öfter aus der Hand legen musste, es mich in Gedanken aber ständig weiterverfolgt. hat. Die Atmosphäre wurde von Bettina Belitz wunderbar beschrieben und die Charaktere absolut stimmig herausgearbeitet: 9 von 10 Bücherdiebinnen!

Kommentare:

  1. Ich habe jetzt mal nur das Fazit gelesen, weil das Buch noch auf meiner Wunschliste steht. Bisher habe ich ja geteilte Meinungen gelesen und war mir nicht sicher, ob ich es unbedingt lesen will, aber deine Bewertung lässt die Waage gerade in eine recht eindeutige Richtung kippen. ;)

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    1. Das freut mich, wenn ich den Ausschlag an deiner Waage bestimmen konnte! :-) Hast du eigentlich schon andere Bücher von Bettina Belitz gelesen und weißt, worauf du dich "einlässt"? Ich denke, wenn du mit etwas schwierigeren Protagonisten (wie halt Linna oder Ellie aus Splitterherz) keine Probleme hast, bist du hier sehr gut aufgehoben!

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    2. Ich hab bisher noch nichts von der Autorin gelesen, aber die Geschichte klang nach etwas, das mir gefallen könnte und schwierige Protagonisten mag ich meistens ganz gern. Kommt halt immer darauf an, in welchem Sinne sie "schwierig" sind. ;)

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  2. Hallo,

    ich mochte dieses Buch auch sehr gern, obwohl es ja die Leserschaft spaltet. Die einen finden es toll, die anderen weniger.

    LG
    Sabine

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    1. Stimmt, die Meinungen gehen ein bisschen auseinander bei dem Buch. Wobei ich bisher hauptsächlich positive Rezensionen gelesen habe. Schön, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat. Du bist ja auch im YA- und im Thriller-Bereich zuhause, da war das wohl die perfekte Mischung :-)

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  3. Ich habe nur das Fazit gelesen weil ich das Buch ja auch noch hier liegen habe. Aber das klingt ja schon mal sehr gut. Und psychologisch? Da kann ich ja gleich mal austesten ob ich überhaupt das richtige lerne :) ich bin mal gespannt wie der Roman so ist (bisher habe ich ihn mir ein wenig aufgehoben und auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, damit ich auch richtig Lust darauf habe :)

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    1. Hehe, da bin ich ja schon gespannt auf deine psychologische Beurteilung von Linna und ihren Bandkollegen :-)
      Den richtigen Zeitpunkt zum Lesen abzupassen, finde ich bei "Linna singt" auch ziemlich wichtig! Man muss sich auf jeden Fall drauf einlassen und gute Nerven mitbringen - dann hat man es innerhalb kurzer Zeit ausgelesen. So ging es mir zumindest, trotz einiger "Verschnaufpausen", die ich dringend bei diesem Buch benötigt habe!

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  4. Gebe dir absolut recht! Ein tolles Buch. Das Ende fand ich gut, habe allerdings Linna manchmal nicht verstanden (warum sie zB nicht den Mund aufgemacht hat, bei den ganzen Dingen, die ihr angetan wurden). Mir hat sie zu oft geschwiegen. Belitz-typisch war das Buch super, die SH-Trilo favorisiere ich noch etwas mehr <3
    LG,
    Damaris

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    1. Müsste ich mich zwischen der Splitterherz-Trilogie und Linna entscheiden, würde ich Ellie und Colin auch knapp den Vorzug geben - mit den beiden habe ich so lange mitgelitten und mitgefiebert, dass sie mir total ans Herz gewachsen sind! Den Strudel von "Linna singt" soll das aber nicht schmälern :-) Ich hätte Linna auch manchmal vor den Kopf hauen mögen, wenn sie einfach geschwiegen hat ... trotzdem konnte ich verstehen, dass sie Angst davor hatte, noch mehr anzurichten und die Leute um sie herum zu verletzen. Fand es sehr dramatisch, wie nah man Linna sein konnte, aber sie trotzdem erst nach und nach richtig kennengelernt hat.
      Hach, Frau Belitz, Nachschub bitte! :-)

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  5. Eine wunderbare Rezi hast du da verfasst! Ich war wirklich gespannt auf deine Meinung zu diesem Buch, weil ich anhand des Klapptextes (und, ich gebe es ja zu, auch wegen des Covers ^^") nicht so recht wusste, ob das etwas für mich ist. Sicher bin ich mir da immer noch nicht, aber dank dir werde ich es auf alle Fälle ausprobieren :o) Ich liebe ja Bücher mit Psychospielchen und Bettina Belitz traue ich es definitiv zu, dass das unter die Haut geht. Im Moment fehlt mir etwas die Ruhe und für "Zwischendurch" ist das Buch ja nichts, wie du schreibst. Es landet aber auf alle Fälle im Wunschbrunnen! Bei neun von zehn Bücherdiebinnen kann ich gar nicht anders.

    Liebe Grüße,
    Kermit

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    1. Vielen Dank, Fröschli :-) Es freut mich, dass du Linna eine Chance geben möchtest! Du musst dir sicherlich etwas Zeit für das Buch nehmen, denn Linna ist - du kennst es ja noch bestens von Ellie *lach* - wieder ziemlich anstrengend. Aber das muss auch, sonst würde die Geschichte gar nicht funktionieren. Bin sehr gespannt, wie du es finden wirst! (vorher musst du aber endlich mal die "Bücherdiebin" von deinem SuB lesen, hehe)

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