Sonntag, 11. November 2012

[Rezension] Lilach Mer - Winterkind

Es war einmal, mitten im Winter ...


Fakten rund ums Buch:
Genre: Historischer Roman / Märchenadaption
Originaltitel: -
Ausgabe: Taschenbuch
Seitenzahl: 280
erschienen: September 2012
Preis: 12,95 Euro
Link zum Verlag 


Der Spiegel würde nicht verschwinden. Selbst, wenn sie ihn hier stehen ließ, mitten in der Halle, an den Treppenaufgang gelehnt. Selbst, wenn sie seine Anwesenheit so sehr ignorierte, dass alle anderen im Haus gezwungen sein würden, ihn genauso wenig zur Kenntnis zu nehmen, so zu tun, als sei er nicht da oder schon immer da gewesen. Er würde bleiben. Wirklicher werden mit jedem Tag, der verging. Nach und nach alle Gedanken aussaugen, sich in alle Träume stehlen. Bis jeder ihn fühlen würde wie eine lebendige Präsenz, dort unten in der Halle, ein eigenständiges, fremdes Wesen in ihrer Mitte. Ein eigenständiger Herzschlag ...


Klappentext:

Niedersachsen, um 1880, im tiefen Winter. Eigentlich müsste Blanka von Rapp glücklich sein: Sie ist schön, ihre Haut ist weiß wie Schnee, ihre Haare sind schwarz wie Ebenholz. Und sie ist reich, ihrem Mann gehört die Glasfabrik, deren Turm das Dorf überragt. Trotzdem ist sie unglücklich. Wie ein Schatten liegt die Angst über allem, was sie tut, die Angst vor einer Toten.
Als die Geschäfte ihres Mannes schlechter laufen, wächst unter den Arbeitern in der Glashütte die Unzufriedenheit. Gerüchte über einem Aufstand häufen sich. Während Blankas Mann verreist, eskaliert die Situation. Blanka muss sich nicht nur der Gegenwart, sondern auch den Geheimnissen der Vergangenheit stellen. Denn der tiefe Schnee, der das Herrenhaus umschließt, lässt sie nicht entkommen. 


Meine Meinung:

"Winterkind" ist die Fortsetzung des berühmten "Schneewittchen"-Märchens der Gebrüder Grimm: Schneewittchen, in diesem Fall Blanka von Rapp, hat ihren Prinzen geheiratet und inzwischen eine eigene Tochter bekommen. Aus ihrem "Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage" ist bisher jedoch nichts geworden, da der Schatten ihrer grausamen Mutter noch immer über ihr zu liegen scheint. Den Roman nun als reine Märchenadaption zu bezeichnen, würde ihm allerdings nicht gerecht werden. Vielmehr handelt es sich um eine historisch äußerst präzisise und stimmig recherchierte Geschichte mit dem einen oder anderen märchenhaften Einfluss - in meinen Augen eine perfekte Mischung!

Das Geschehen wird abwechselnd aus der Sicht von Blanka von Rapp sowie von Sophie, der Gouvernante von Blankas Tochter, erzählt. Beide Charaktere sind mit viel Leben gefüllt: Sophie kommt äußerst sympathisch herüber und bietet in ihrer nüchternen und intelligenten Art viel Identifikationspotential für den Leser. Blanka dagegegen erscheint als ängstliche und gebrochene Frau, der man von Herzen ihr Happy End wünschen würde. Wenn sie sich mit ihrem "Haltung, Blanka" immer wieder selbst ermahnt und von den gesellschaftlichen Konventionen unter Druck setzen lässt, bekommt man eine Ahnung davon, wie hart das Leben auch für Frauen ihres Standes zu der damaligen Zeit gewesen sein mag.
An jedem Kapitelende wechselt die Perspektive des Romans außerdem kurz in die Kindheit von Blanka von Rapp und hier erkennt man das zugrundeliegende Märchen eindeutig wieder: Geschildert wird Blankas Leben von der Geburt an, wie sich die Eifersucht der Mutter immer weiter auf ihr Leben auswirkt und welche Rolle der geheimnisvolle Spiegel für die Mutter spielt. Die sieben Zwerge sucht man hier allerdings vergeblich, stattdessen wird das Märchen in einen wesentlich realistischeren Kontext gebracht - so wie die Autorin "Schneewittchen" neu erzählt, hätte es tatsächlich stattfinden können.
Zum Ende des Romans vermischen sich die einzelnen Ebenen immer weiter mit den märchenhaften Elementen und es wird sehr spannend und dramatisch. Ich habe regelrecht mit Blanka mitgefiebert, ob sie dem Schrecken ihrer Vergangenheit endlich entfliehen kann! 

Das alltägliche Leben der Menschen im ausgehenden 19. Jahrhundert wird sehr gut herübergebracht: Da sind zunächst die gut betuchten Leute wie Blanka von Rapp, ihr Mann und die heranwachsende Tochter, die mit viel Personal auf ihrem eigenen Grundstück leben und denen es - eigentlich - gut gehen sollte. Aber auch das Leben der Arbeiter, die verpassten Chancen der Mägde oder das Schicksal der Gouvernante, die - in einer anderen Zeit geboren - sicherlich zu Höherem bestimmt gewesen wäre, werden aufgegriffen. Sehr gut hat Lilach Mer außerdem verdeutlicht, wie beschwerlich das Leben früher gerade im Winter war, wenn dringend Vorräte benötigt wurden, Ärzte mit Schneemassen zu kämpfen hatten (und daher nicht zu ihren Patienten kommen konnten), und das Geld langsam knapp wurde, weil jegliche Arbeit brachliegen musste.

Der Schreibstil von Lilach Mer ist wieder sehr detailverliebt und bildhaft gestaltet, ohne jedoch ins Kitschige abzudriften. War mir die Sprache bei ihrem Erstlingswerk Der siebte Schwan an manchen Stellen noch zu blumig, so dass ich mich zu sehr in ihr verloren habe und manchmal nicht auf die Geschichte konzentrieren konnte, so hält sich "Winterkind" zurück mit allzu ausschmückenden Beschreibungen. Die Atmosphäre wurde sprachlich sehr gut eingefangen und ich fühlte mich stimmig zurückversetzt in das Jahr 1880.
Sehr spannend empfand ich außerdem, wie Lilach Mer die märchenhaften Elemente immer mal wieder durch die Geschichte durchschimmern lässt - gerade das Geheimnis des unheimlichen Spiegels hat mich sehr fasziniert. Da es am Ende für alles auch eine logische Erklärung zu geben scheint, bleibt es aber jedem Leser selbst überlassen, wie man manche der phantastischen Elemente schlussendlich deuten mag.


Mein Fazit:

Auch das zweite Werk von Lilach Mer hat mich wieder auf ganzer Linie überzeugt! Atmosphärisch sehr dicht spielt sie mit dem bekannten "Schneewittchen"-Mythos und denkt das Märchen konsequent weiter. Wunderbar gefallen haben mir die realistischen Charaktere sowie der Ausflug in die Zeit des 19. Jahrhunderts. Ich freue mich schon auf das nächste Buch von Frau Mer: 9 von 10 Bücherdiebinnen!


Kommentare:

  1. Ich hab mir das "Winterkind" gekauft, weil ich Lilachs Schreibstil sehr mag. So märchenhaft, so verträumt, dass man von der ersten Seite an quasi von der Geschichte "gefangen genommen" wird und das Buch - egal ob "Der siebte Schwan" oder "Winterkind" - erst wieder weglegt, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Da es leider nur knapp 300 Seiten sind, hatte ich das Buch innerhalb von 3 Tagen durch.
    Wirklich wunderbar, dieses Buch, Thriller oder nicht. Und zum Immer-wieder-lesen sehr empfehlenswert!

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    1. Oh ja, der Schrebstil ist wirklich wunderschön - märchenhaft, poetisch, verträumt ... ich könnte mich total darin verlieren :-)
      Schön, dass dir die Bücher von Lilach Mer auch so gut gefallen, ich hoffe, wir werden noch mit vielen weiteren Geschichten von ihr versorgt (bis dahin muss ich demnächst mal einen reread vom "siebten Schwan" wagen)!

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    2. Hallo Bücherdiebin, du kannst es ruhig wagen mit dem "Schwan" - ich kann dir versichern, du wirst es nicht bereuen! Ich konnte mich kaum von dem Buch losreißen.

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