Samstag, 12. September 2015

[Rezension] Dave Eggers - Der Circle

Geheimnisse sind Lügen; Teilen ist heilen; alles Private ist Diebstahl


Fakten rund ums Buch:
Genre: Roman
Originaltitel: The Circle
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Ausgabe: Hardcover
Seitenzahl: 560
erschienen: August 2014
Preis: 22,99 Euro 


"Ich sag dir jetzt was, und es schmerzt mich, dir das sagen zu müssen. Aber du bist nicht mehr sehr interessant. Du sitzt zwölf Stunden an einem Schreibtisch, und dabei kommt nichts anderes rum als ein paar Zahlen, die in einer Woche nicht mehr existieren oder in Vergessenheit geraten sind. Du hinterlässt keine Spuren. Es gibt keinen Beweis dafür, dass du gelebt hast."


Klappentext:

Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »drei Weisen«, die den Konzern leiten – wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …


Meine Meinung:

Den "Circle" hatte ich schon seit längerer Zeit auf dem Schirm und dachte mir immer, dass ich das Buch - als jemand, der sich beruflich mit Internet und Social Media befasst - mal gelesen haben sollte. Doch gleichzeitig ließ mich dieser "Zwang" und die Dicke des Buches immer wieder davor zurückschrecken. Als ich vor kurzem erfuhr, dass das Buch demnächst mit Emma Watson und Tom Hanks in den Hauptrollen verfilmt werden soll, griff ich endlich zu.

Das Buch hat sicherlich nicht wenige Schwächen. So bleiben sämtliche Charaktere arg blass, man erfährt nur das Nötigste über sie und sie stützen vorwiegend den Fortlauf der Geschichte anstatt vor dem Auge des Lesers wirklich lebendig zu werden. Auch über Mae, aus deren Sicht der komplette Roman geschildert wird, erfährt man verhältnismäßig wenig, so dass sie mir immer ein bisschen fremd blieb. 
Einen richtigen Spannungsbogen besitzt "Der Circle" nicht. Man ahnt zwar, worauf das Ganze hinauslaufen wird, doch mir passierte es selten, dass ich das Buch vor Spannung nicht mehr aus der Hand legen wollte. Dazu kommen einige Wiederholungen, die man sich meiner Meinung nach hätte sparen können.

Und dennoch habe es nicht bereut, diesen Roman gelesen zu haben und möchte ihn euch unbedingt weiterempfehlen! Was ich nämlich absolut genial finde, ist, wie Dave Eggers die Zukunftsvision im Laufe der Handlung aufbaut. Ich habe nicht einen Moment daran gezweifelt, dass unsere Technik sich GENAU SO weiterentwickeln könnte und dass die Errungenschaften zwar erschreckend, aber nicht weniger realistisch sind.
Schlimmer noch, ich habe mich sogar öfter dabei ertappt, genau wie die Protagonistin zu denken, dass die fortschreitende Überwachung etwas Gutes für die Menschheit bedeutet. Denn wäre das Internet z.B. nicht ein viel netterer Ort, wenn sich dort alle ausschließlich mit ihrer echten Identität einloggen dürften!? Hater-Kommentare, Shitstorms und Co. hätten sicherlich keine Chance mehr, wenn jeder mit seinem Namen dafür geradestehen müsste.
Doch diese Momente waren bei mir - anders als bei Protagonistin Mae - immer wieder von einem kritischen Kopfschütteln gefolgt, wenn ich mir die weiteren Konsequenzen bewusst gemacht habe. Man muss den "Circle" mit einem gesunden Abstand lesen und sich zwischendurch Zeit nehmen, um darüber nachzudenken. Aber genau das ist in meinem Augen die größte Stärke des Romans: Er regt dazu an, sich einmal intensiv mit seinem Social Media-Verhalten auseinanderzusetzen und zu überlegen, wo man für sich die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem ziehen möchte. 


Mein Fazit:

Trotz einiger Schwachpunkte kann ich den "Circle" allen empfehlen, die sich gerne in der virtuellen Welt aufhalten und ihr Online-Verhalten einmal kritisch hinterfragen wollen. Denn der Roman schildert äußerst überzeugend eine Zukunft, die gar nicht mehr fern zu sein scheint. 8 von 10 Bücherdiebinnen.

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